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Neckermann : Der Versender mit Vergangenheit

Passionierter Reiter und Unternehmer: Josef Neckermann im Alter von 67 Jahren an seinem Schreibtisch auf seinem Gestüt in Götzenhain. Bild: dpa

Ehrgeiziger Unternehmer, passionierter Pferdesportler, aber auch NSDAP-Mitglied und SA-Reiter: Josef Neckermann hatte viele Gesichter. In diesem Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden - ausgerechnet jetzt wird sein Unternehmen abgewickelt.

          Ein schmuckloses Ladenlokal, die dunklen Vitrinen eines Schlüsseldienstes - nichts, aber auch gar nichts weist darauf hin, dass an diesem Ort eine der bemerkenswertesten deutschen Nachkriegsgeschichten begonnen hat. In der Mainzer Landstraße im Westen Frankfurts hat man längst vergessen, dass hier im Herbst 1948 die „Textilgesellschaft Neckermann KG“ aufsperrte. Knapp 64 Jahre später ist das längst umgezogene Nachfolgeunternehmen, die neckermann.de GmbH, am Ende. Am Mittwoch wurde bekannt, dass der traditionsreiche Versandhändler abgewickelt wird.

          Synonym für Kaufrausch in den 50er Jahren

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Besonders tragisch: Die Abwicklung trifft das Unternehmen ausgerechnet in dem Jahr, in dem der Mann, der dem Konzern seinen Namen gab und der weit mehr als ein Versandhändler war, seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Josef Neckermann verkörpert wie kein Zweiter - mit Licht und Schatten - das Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik: Neckermann, das ist das Synonym für den nie dagewesenen Konsumrausch der 50er Jahre. Doch Neckermann steht auch für die Verstrickungen in den Nationalsozialismus, die im Nachkriegsdeutschland nicht daran hinderten, Karriere zu machen.

          Josef Neckermann, geboren in Würzburg, aufgewachsen als Sohn eines wohlhabenden Kohlen-Händlers, ging nach dem frühen Tod seines Vaters bei einer Bank in Lehre. Zurück von einem Aufenthalt in England, profitierte er in den 30er Jahren von der Judenverfolgung: 1935 übernahm er das „arisierte“ Textilkaufhaus Ruschkewitz, wenig später ein weiteres vormals von einem Juden geführtes Unternehmen. Während des Krieges suchte der Geschäftsmann die Nähe zur Macht. Der zackige Neckermann, NSDAP-Mitglied und SA-Reiter, stieg zum stellvertretenden „Reichsbeauftragten für Kleidung und verwandte Gebiete“ auf. Eingestuft als Mitläufer nahm Neckermann nach Kriegsende zügig wieder die Geschäfte auf - zu zügig: Weil er gegen ein Verbot verstoßen hatte, wurde Neckermann zu einem Jahr Arbeitslager verurteilt.

          Neckermann versorgte Nachkriegsdeutschland mit Mode

          Von seinem Plan, einen Versandhandel aufzubauen, brachte ihn das nicht ab. Neckermann wusste, wonach die von Entbehrungen gebeutelte Bevölkerung dürstet: Die Menschen wollten konsumieren, Neckermann machte es möglich. Von 1948 an versorgte er mit dem Unternehmen, das anfangs auf seine Frau eingetragen war, Nachkriegsdeutschland mit erschwinglicher Mode, Möbeln und Massenware jeder Art.

          In den 50er Jahren ist der Neckermann-Katalog längst zur Konsumbibel geworden, der Firmenpatriarch, der Disziplin und Willenskraft predigte, zur Symbolfigur des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs. Mit dem Volkskühlschrank und „Super“, dem Radio zum Dumpingpreis, verdiente Neckermann Millionen. Ein weiterer Clou: Der Unternehmer stieg ins Reisegeschäft ein und schickte zigtausende Deutsche zu erschwinglichen Preisen in den Urlaub.

          In den 70er Jahren stand Neckermann kurz vor dem Aus

          Doch in den 70ern bröckelte das Erfolgsmodell. Großinvestor Friedrich Flick hatte sein Kapital abgezogen, die Menschen pilgerten lieber in große Warenhäuser – und Neckermann rutschte in die Verlustzone. Um das Aus zu verhindern, musste Neckermann 1977 die Mehrheitsanteile an die Karstadt AG verkaufen, der Firmengründer und seine Söhne verließen das Unternehmen.

          Doch Neckermann fiel nicht ins Bodenlose. Der begeisterte Pferdesportler hatte längst an seiner zweiten Karriere gebastelt: Als einer der weltbesten Dressurreiter waren ihm Ruhm und Anerkennung sicher – spätestens als er bei der Münchener Olympiade trotz schwerer Rückenverletzung zwei Medaillen errang. Als sein neues Lebenswerk betrachtete „Necko“ fortan sein Amt als oberster Funktionär bei der Deutschen Sporthilfe. Bis 1988 sammelte die Stiftung 220 Millionen DM ein, rund 90 Millionen sollen aus privaten Spenden stammen, die Neckermann als „größter Bettler Deutschlands“ in der Wirtschaft eingesammelt hat.

          1992 starb Neckermann mit 79 Jahren. Mit anzusehen, wie der von ihm aufgebaute Konzern kaputt ging, blieb ihm erspart. Kritiker werfen ihm vor, sich bis zuletzt nicht hinreichend von seinem Verhalten während der Nazizeit distanziert zu haben. „Wenn man ehrlich ist, würde man sagen, man würde gar nichts anders machen“, ließ sich Neckermann zitieren.
           

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