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Nachruf : Leo Kirch - ein Kaufmann

Leo Kirch Bild: dpa

Er war einer der Pioniere des Privatfernsehens. Vor fast 10 Jahren musste er zusehen, wie sein Imperium zerbrach. Die letzten Lebenjahre widmete Leo Kirch einem Rachefeldzug gegen die Deutsche Bank und deren früheren Chef Rolf Breuer. Ihm lastete er die Zerstörung seines Lebenswerks an. Ein Nachruf.

          Die Öffentlichkeit hat Leo Kirch nie gesucht. Doch der letzte seiner spärlichen Auftritte liegt erst wenige Monate zurück. Fast gänzlich erblindet und im Rollstuhl sitzend gab er noch einmal Einblicke in sein bewegtes Leben als Medienunternehmer. Dabei greift diese Bezeichnung für den Mann viel zu kurz, der aus dem Nichts ein Medienimperium erschaffen und das Privatfernsehen in Deutschland salonfähig gemacht hat. Er selbst wählte denn auch einen anderen Begriff, als er Ende März vor dem Oberlandesgericht in München im Milliardenprozess gegen die Deutsche Bank aussagte: Er sei „Kaufmann“, flüsterte Kirch. Das war eine einzigartige Untertreibung. Aber so war er.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Sich selbst nahm der gläubige Katholik nicht so wichtig. Im Glauben lag für ihn der einzige Trost. Schicksalsschläge hatte der 84 Jahre alte Patriarch in seinem Leben genug zu verkraften. Und Kirchs Anhörung im Münchner Gerichtssaal Ende März führt in diese vergangene Zeit, zurück zu den Kindertagen des Fernsehens in Deutschland. Kirch fällt zwar das Sprechen schwer, aber seine Erinnerung ist hellwach. Erst ist nur ein Krächzen von ihm zu hören, dann werden daraus einzelne Satzfetzen. Dicht neben seinem Rollstuhl sitzt eine weißhaarige Frau in einem adretten dunkelblauen Kostüm, Gertrude Barrera-Vidal. Sie ist seit vier Jahrzehnten Kirchs engste Mitarbeiterin. Einst hütete sie seinen größten Schatz, die einzigartige Filmsammlung. Es gab Zeiten, da stammte jeder zweite im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Film aus diesem Archiv. Barrera-Vidal muss vor Gericht ihren alten Chef übersetzen, damit dessen Aussage verwertbar ist. Sie schildert Kirchs Anfänge: Wie er als Sohn eines fränkischen Spenglers Filmrechtehändler wurde, mit der Sirius-Film GmbH seine erste Firma gründete, einen Filmstock von bis zu 12 000 Titeln aufbaute, Material für mindestens 50.000 Sendestunden.

          „Es ging schon damals über meine Verhältnisse“, lässt Kirch seine Vertraute erklären. Und dann schlägt Kirch mit der einen Hand auf den Tisch, mit der anderen greift er zum Mikrofon: „Das Problem mit der Geldbeschaffung“, krächzt er, „war im Prinzip immer dasselbe.“ Kirch hatte Ideen, aber kein Geld. Kirch hatte Kontakte, nutzte sie aber nur in seinem Sinne. Vor Gericht sagt er aus, mit seinem „guten Freund Alfred Herrhausen“ eine Absprache getroffen zu haben, wonach sich die Deutsche Bank aus dem Kirch-Konzern heraushalten werde. Herrhausens Nachfolger seien diesem Ansinnen nachgekommen – bis auf einen.

          Der letzte öffentliche Auftritt: Im März traf Leo Kirch (vorne) im Prozess gegen die Deutsche Bank auf Rolf Breuer (hinten rechts)

          Gemeint ist Rolf Breuer, der an diesem Verhandlungstag auf der Anklagebank sitzt, keine zwei Meter von Kirchs Rollstuhl entfernt. Breuer wird von Kirch für den Untergang seines Konzerns verantwortlich gemacht. Seit mehr als zehn Jahren kämpft Kirch gegen die Deutsche Bank und Rolf Breuer, die Verhandlung vor dem Münchner Oberlandesgericht ist eine der scheinbar endlosen Fortsetzungsfolgen. „Erschossen hat mich der Rolf“, sagte Kirch schon vor Jahren, als er noch besser bei Stimme war.

          Sein letzter Auftritt im März dauert fast genau 90 Minuten. Dann bricht der Vorsitzende Richter die Vernehmung ab. Neben Kirch steht sein Hausarzt. Er erklärt Kirch für nicht länger vernehmungsfähig. Der Blutdruck ist erhöht, der Puls rast. Kirch hat noch einmal gekämpft, bis zur Erschöpfung.

          Leo Kirch gehörte zu den Menschen, für die das Alter keine Folge von Abschieden war, sondern die Chance zu immer neuen Anfängen. Das galt trotz einer schwierigen Herzoperation und trotz der viele Jahre bestehenden starken Sehbehinderungen durch einen Schock-Diabetes, den er seit einem Autounfall seiner Frau und seines Sohnes ertragen musste.

          Wenn Kirch früher, lange vor der Gerichtsverhandlung dieses Jahres, in seiner nüchtern-zweckmäßigen Unternehmenszentrale in einem Gewerbegebiet in Ismaning ins Zimmer trat, groß, stattlich, in Sportsakko und schwarzem Strickhemd, dann füllte er den Raum. Er war der Patron, der das Gespräch an sich zog, Detailfragen geschickt auswich und nur das sagte, was er wirklich sagen wollte. Mit Erzähltalent und fränkisch getöntem Charme bewies Kirch stets Geschick im Umgang mit Menschen. Nur wenn er zur Unterstreichung seiner Sätze gelegentlich mit der Hand auf den Tisch schlug, ahnte man, dass dieser Charme nur eine Seite seines Wesens war.

          Der Vollblutunternehmer aus der Generation der Nachkriegsgründer machte aus seiner Abneigung gegenüber der Börse und dem Gebaren der Akteure auf den Finanzmärkte schon keinen Hehl, als er mit der Deutschen Bank im Allgemeinen und Rolf Breuer im Besonderen noch keine Schwierigkeiten hatte. „Die Leute werden getrieben von den Zahlen, die veröffentlicht werden“, sagte Kirch schon im Herbst 2001. „Die Hintergründe von den Zahlen können sie alle nur ahnen, sie wissen sie genauso wenig wie ich.“ Von einer Insolvenz seines Imperiums war damals noch keine Rede. Aber seine große Zeit – die Jahrzehnte, in denen er als Privatunternehmer mit Verschwiegenheit seine Geschäfte machen konnte – war eben auch vorbei. Dazu passt die Geschichte, die über einen seiner ersten großen Einkäufe von Verwertungsrechten an amerikanischen Filmen erzählt wird, darunter auch „Casablanca“: Der Verkäufer hieß Lustig und brauchte die 300.000 Dollar, um den Quartalsbericht seines Unternehmens zu verschönen. Das war für Kirch ein Schlüsselerlebnis, was die Zwänge des Kapitalmarkts angeht.

          In die neue Zeit sollte ihn sein Vertrauter Dieter Hahn begleiten. „Dieter weiß, wie man Schulden bezahlt. Ich wusste nur immer, dass ich sie bezahlen muss,“ sagte Kirch einst, um etwas später anzufügen: „Ich habe kein Geld, ich habe Schulden.“ Ob er ein Spieler war? Schulden habe er machen müssen, weil seine Phantasie den Umsetzungsmöglichkeiten immer etwas vorausgeeilt sei. Hahn argumentierte schon damals mit dem Unternehmenswert, den man dagegenzustellen habe.

          Dass Kirch Einfälle hatte, aber kein Geld, stand schon am Anfang seines unaufhaltsamen Aufstiegs. Nach dem Studium von Mathematik, Physik und Betriebswirtschaft faszinierten ihn als Assistent an der Münchner Universität die elektronischen Medien. Kirch begriff in den frühen fünfziger Jahren als erster in Deutschland, dass das damals aufkommende Fernsehen einen ungeheueren Bedarf an Inhalten haben werde, vor allem an Spielfilmen. Er begann Filmrechte zu erwerben. 1956 fuhr er zusammen mit seinem Freund Hans Andresen nach Rom, weil ihm ein Bekannter von einem Meisterwerk des italienischen Regisseurs Frederico Fellini vorgeschwärmt hatte. Nach einem Marsch durch den Regen kamen die beiden in das Studio und durften sich den Film durch die Gucklöcher des Vorführraums ansehen, während ihre Kleider trockneten. Im Zuschauerraum saß die Chefin des deutschen Gloria-Filmverleihs, Ilse Kubaschewski. Kirch und seinen Freund faszinierte der Film. Die Gloria-Chefin war dagegen enttäuscht. Kirch bekam die Filmrechte, hatte aber die notwendigen 20 000 Mark nicht. So musste Andresen in Rom bleiben, bis Kirch in Deutschland das Geld aufgetrieben hatte. Der Film hieß „La Strada“ und wurde nach zähem Anlauf ein Welterfolg, dessen Einnahmen die finanzielle Grundlage des Kirch-Imperiums bildeten.

          So schön und harmonisch wie sie hier klingt, war die Kirch-Welt aber nie. Kirch wäre nicht zu dem geworden, der er war, wenn er nicht knallhart Geschäfte gemacht und als Familienunternehmer seinen Firmen unnachsichtig seinen Stempel aufgedrückt hätte. Das haben zahlreiche Geschäftspartner und Angestellte leidvoll erfahren müssen. Und er hatte das Gedächtnis eines Computers. Der Herrgott habe ihm den Kopf zusammengehalten, sagte er gern. Seit er kaum noch sehen konnte und seine Vorstellungen durch Vorlesen, persönliche Gespräche und Dauertelefonate entwickeln musste, war er für diese Fähigkeit besonders dankbar. Kirch war, ähnlich wie viele andere Gründer, ein Mann, der mit Instinkt, aus dem Bauch heraus handelte. Er war von Anfang an von Visionen beseelt, die ihm nicht selten den Vorwurf eingetragen haben, er spinne. „Meine Krankheit war“, sagte er selbst, „ein Leben lang etwas zu früh anzufangen.“

          Kirch baute auf die Technik, auch wenn sich der Markt nur zäh entfaltete; der Glaube an die Technik und ihre Möglichkeiten zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben. So hat er immer wieder Zukunftsmärkte entdeckt: den Bedarf an Fernsehinhalten, das Privatfernsehen, die multimediale Verwertung. Ein Ziel im engeren Sinn unternehmerischer Planung hat er dabei nie erreichen wollen. „Ich habe Gelegenheiten wahrgenommen, die ich für richtig gehalten habe. Und wenn ich Ziele hatte und wollte etwas durchsetzen, ist es mir meistens misslungen.“ So ist Kirchs Vorstellung eines zweiten multimedialen Konzerns in Deutschland neben Bertelsmann Vision geblieben. Auch aus der langjährigen 40-Prozent-Beteiligung am Axel Springer Verlag hat er nicht das machen können, was er gewollt hatte.

          Den konservativen Franken beschäftigte darüber hinaus die Verflachung der Fernsehprogramme. „Die Welt wird ärmer und ärmer mit dieser Phantasielosigkeit, die dadurch erzeugt wird“, sagte er einmal – ganz ohne Heuchelei oder späte Reue. Leo Kirch lebte mit und von den Widersprüchlichkeiten dieser Welt: Er habe weniger Gutes getan als Schlechtes verhindert, sagte er. Und Kirch ist stets bodenständig geblieben, ein Mann, den Arbeit mehr als Geld interessierte. Sein erstes Büro mitten in München war winzig. Dem ebenfalls winzigen fränkischen Dorf, in dem er geboren wurde, fühlte er sich stets verbunden. Für jeden, der Franken kennt, spiegelte sich in Kirchs kantigem Gesicht auch diese Heimat wieder. Am Donnerstag ist er gestorben.

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