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Nachruf : Leo Kirch - ein Kaufmann

Dass Kirch Einfälle hatte, aber kein Geld, stand schon am Anfang seines unaufhaltsamen Aufstiegs. Nach dem Studium von Mathematik, Physik und Betriebswirtschaft faszinierten ihn als Assistent an der Münchner Universität die elektronischen Medien. Kirch begriff in den frühen fünfziger Jahren als erster in Deutschland, dass das damals aufkommende Fernsehen einen ungeheueren Bedarf an Inhalten haben werde, vor allem an Spielfilmen. Er begann Filmrechte zu erwerben. 1956 fuhr er zusammen mit seinem Freund Hans Andresen nach Rom, weil ihm ein Bekannter von einem Meisterwerk des italienischen Regisseurs Frederico Fellini vorgeschwärmt hatte. Nach einem Marsch durch den Regen kamen die beiden in das Studio und durften sich den Film durch die Gucklöcher des Vorführraums ansehen, während ihre Kleider trockneten. Im Zuschauerraum saß die Chefin des deutschen Gloria-Filmverleihs, Ilse Kubaschewski. Kirch und seinen Freund faszinierte der Film. Die Gloria-Chefin war dagegen enttäuscht. Kirch bekam die Filmrechte, hatte aber die notwendigen 20 000 Mark nicht. So musste Andresen in Rom bleiben, bis Kirch in Deutschland das Geld aufgetrieben hatte. Der Film hieß „La Strada“ und wurde nach zähem Anlauf ein Welterfolg, dessen Einnahmen die finanzielle Grundlage des Kirch-Imperiums bildeten.

So schön und harmonisch wie sie hier klingt, war die Kirch-Welt aber nie. Kirch wäre nicht zu dem geworden, der er war, wenn er nicht knallhart Geschäfte gemacht und als Familienunternehmer seinen Firmen unnachsichtig seinen Stempel aufgedrückt hätte. Das haben zahlreiche Geschäftspartner und Angestellte leidvoll erfahren müssen. Und er hatte das Gedächtnis eines Computers. Der Herrgott habe ihm den Kopf zusammengehalten, sagte er gern. Seit er kaum noch sehen konnte und seine Vorstellungen durch Vorlesen, persönliche Gespräche und Dauertelefonate entwickeln musste, war er für diese Fähigkeit besonders dankbar. Kirch war, ähnlich wie viele andere Gründer, ein Mann, der mit Instinkt, aus dem Bauch heraus handelte. Er war von Anfang an von Visionen beseelt, die ihm nicht selten den Vorwurf eingetragen haben, er spinne. „Meine Krankheit war“, sagte er selbst, „ein Leben lang etwas zu früh anzufangen.“

Kirch baute auf die Technik, auch wenn sich der Markt nur zäh entfaltete; der Glaube an die Technik und ihre Möglichkeiten zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben. So hat er immer wieder Zukunftsmärkte entdeckt: den Bedarf an Fernsehinhalten, das Privatfernsehen, die multimediale Verwertung. Ein Ziel im engeren Sinn unternehmerischer Planung hat er dabei nie erreichen wollen. „Ich habe Gelegenheiten wahrgenommen, die ich für richtig gehalten habe. Und wenn ich Ziele hatte und wollte etwas durchsetzen, ist es mir meistens misslungen.“ So ist Kirchs Vorstellung eines zweiten multimedialen Konzerns in Deutschland neben Bertelsmann Vision geblieben. Auch aus der langjährigen 40-Prozent-Beteiligung am Axel Springer Verlag hat er nicht das machen können, was er gewollt hatte.

Den konservativen Franken beschäftigte darüber hinaus die Verflachung der Fernsehprogramme. „Die Welt wird ärmer und ärmer mit dieser Phantasielosigkeit, die dadurch erzeugt wird“, sagte er einmal – ganz ohne Heuchelei oder späte Reue. Leo Kirch lebte mit und von den Widersprüchlichkeiten dieser Welt: Er habe weniger Gutes getan als Schlechtes verhindert, sagte er. Und Kirch ist stets bodenständig geblieben, ein Mann, den Arbeit mehr als Geld interessierte. Sein erstes Büro mitten in München war winzig. Dem ebenfalls winzigen fränkischen Dorf, in dem er geboren wurde, fühlte er sich stets verbunden. Für jeden, der Franken kennt, spiegelte sich in Kirchs kantigem Gesicht auch diese Heimat wieder. Am Donnerstag ist er gestorben.

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