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Nachruf : Leo Kirch - ein Kaufmann

Leo Kirch gehörte zu den Menschen, für die das Alter keine Folge von Abschieden war, sondern die Chance zu immer neuen Anfängen. Das galt trotz einer schwierigen Herzoperation und trotz der viele Jahre bestehenden starken Sehbehinderungen durch einen Schock-Diabetes, den er seit einem Autounfall seiner Frau und seines Sohnes ertragen musste.

Wenn Kirch früher, lange vor der Gerichtsverhandlung dieses Jahres, in seiner nüchtern-zweckmäßigen Unternehmenszentrale in einem Gewerbegebiet in Ismaning ins Zimmer trat, groß, stattlich, in Sportsakko und schwarzem Strickhemd, dann füllte er den Raum. Er war der Patron, der das Gespräch an sich zog, Detailfragen geschickt auswich und nur das sagte, was er wirklich sagen wollte. Mit Erzähltalent und fränkisch getöntem Charme bewies Kirch stets Geschick im Umgang mit Menschen. Nur wenn er zur Unterstreichung seiner Sätze gelegentlich mit der Hand auf den Tisch schlug, ahnte man, dass dieser Charme nur eine Seite seines Wesens war.

Der Vollblutunternehmer aus der Generation der Nachkriegsgründer machte aus seiner Abneigung gegenüber der Börse und dem Gebaren der Akteure auf den Finanzmärkte schon keinen Hehl, als er mit der Deutschen Bank im Allgemeinen und Rolf Breuer im Besonderen noch keine Schwierigkeiten hatte. „Die Leute werden getrieben von den Zahlen, die veröffentlicht werden“, sagte Kirch schon im Herbst 2001. „Die Hintergründe von den Zahlen können sie alle nur ahnen, sie wissen sie genauso wenig wie ich.“ Von einer Insolvenz seines Imperiums war damals noch keine Rede. Aber seine große Zeit – die Jahrzehnte, in denen er als Privatunternehmer mit Verschwiegenheit seine Geschäfte machen konnte – war eben auch vorbei. Dazu passt die Geschichte, die über einen seiner ersten großen Einkäufe von Verwertungsrechten an amerikanischen Filmen erzählt wird, darunter auch „Casablanca“: Der Verkäufer hieß Lustig und brauchte die 300.000 Dollar, um den Quartalsbericht seines Unternehmens zu verschönen. Das war für Kirch ein Schlüsselerlebnis, was die Zwänge des Kapitalmarkts angeht.

In die neue Zeit sollte ihn sein Vertrauter Dieter Hahn begleiten. „Dieter weiß, wie man Schulden bezahlt. Ich wusste nur immer, dass ich sie bezahlen muss,“ sagte Kirch einst, um etwas später anzufügen: „Ich habe kein Geld, ich habe Schulden.“ Ob er ein Spieler war? Schulden habe er machen müssen, weil seine Phantasie den Umsetzungsmöglichkeiten immer etwas vorausgeeilt sei. Hahn argumentierte schon damals mit dem Unternehmenswert, den man dagegenzustellen habe.

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