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Nach Rücktritt : Was will Josef Ackermann uns sagen?

Den größten Druck konnte der Selbstmörder selbst erzeugen, weil Tote immer recht haben und weil er etwas machte, was man nicht macht, nämlich andere für die eigene finale Tat verantwortlich zu machen. Einen Selbstmord zum Mord umzudeuten - geht es brutaler?

Ackermann muss das Schlimmste befürchtet haben und war deshalb mit einer eigenen Erklärung nach vorn geprescht. In ihr schwingt der Verdacht mit: Nicht nur die Familie, auch Teile des Konzerns könnten ihn, Josef Ackermann, als Schuldigen brandmarken für den Suizid. Und danach kommt die Öffentlichkeit zum Zuge in einem Land, das gerade höchst sensibilisiert ist für solche Fragen durch den Selbstmord eines Swisscom-Managers. Der Mann hatte sich ebenfalls vom Verwaltungsrat bedrängt gefühlt.

Ackermann will Gründe objektivieren

Sicher ist: Die vier Sätze sind Ackermann nicht herausgerutscht. Er hat sie nicht einmal „gesagt“, auch wenn sie nun als wörtliche Zitate weitergereicht werden. Die Sätze hat der Banker so nie gesprochen, vielmehr sind sie am Schreibtisch entstanden, konstruiert von Helfern in Stäben, wie es üblich ist in einem Konzern: Selbst für Dinge weit unterhalb dieser Tragweite schauen Kommunikationsexperten und Juristen über jedes Komma, ehe eine Meldung das Unternehmen verlässt.

Unter den Merkwürdigkeiten des Textes spießt der Soziologe Oevermann folgende auf: Wenn Ackermann, wie er schreibt, Schaden vom Unternehmen abwenden will, wie kann er dann seinen Posten verlassen? Entweder muss er als Verwaltungsratspräsident offenlegen, dass es in Wahrheit unternehmerische Gründe gibt für seinen Schritt, etwa einen Streit über die Strategie. Oder aber es ist seine Pflicht, den Konzern zu schützen gegen die Vorwürfe einer traumatisierten Witwe, die einen externen Grund sucht für eine höchst private Tat.

Ackermann hat die Spekulationen rund um den Selbstmord erst so richtig entfacht, weswegen zu fragen ist: Wollte er mit dem Rücktritt vor allem den eigenen Ruf schützen, bevor er in der nächsten Versammlung der Aktionäre womöglich Übles zu hören bekommt?

In Ackermanns schwer greifbarer Erklärung geraten die Dinge jedenfalls durcheinander: die höchst private Tat und mögliche konzerninterne Fehlentwicklungen. „Diese Bereiche sprachlich nicht trennen zu können, das ist Ackermanns Problem“, sagt Oevermann. Statt Sachverhalte konkret zu benennen, verheddert der Manager sich in gedrechselten Sätzen in der Schuldfrage, etwa wenn er von „Verantwortung“ spricht.

Damit unterstellt Ackermann, typisch für einen wirtschaftlich denkenden Macher, dass sich die Gründe für einen Suizid objektivieren lassen: Wer aber mag für einen Selbstmord Verantwortung übernehmen außer dem, der sich das Leben genommen hat? Im Stochern nach Gründen trennt Ackermann die privaten Verdächtigungen der Familie (die „meint“, also nichts weiß) von den objektiven Gründen. Und die haben nichts mit ihm zu tun. Die Formulierung wirkt beschwörend in dem Zusammenhang. Doch sie kann nichts mehr ändern.

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