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Nach Rechtsanspruch : Kitas suchen händeringend nach Personal

  • -Aktualisiert am

Kindergarten in Brandenburg Bild: dpa

Der Rechtsanspruch der Eltern auf einen Kita-Platz für ihr Kind hat die Lage weiter verschärft. Manche Länder stellen schon Erzieher ohne Ausbildung ein.

          „Bei uns entstehen Persönlichkeiten“ werben die Städtischen Kindertagesstätten in Frankfurt, die als größter städtischer Träger in Frankfurt 12.000 Kinder betreuen. Doch wie lange noch? Immer noch gibt es beim Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige Nachholbedarf. Die Kitas selbst haben eine weitere Sorge, die auch die Eltern umtreiben dürfte: Sie finden zu wenig und nicht gut genug qualifiziertes Personal. Zwar seien in ihren Kitas 95 Prozent Fachkräfte eingestellt, sagt Abteilungsleiterin Doris Santifellar, aber sie sei gerade auf der Suche nach 100 neuen Mitarbeitern. Und das sei schwierig. „Wir unternehmen extreme Anstrengungen, um geeignetes Personal zu finden“.

          Das Angebot an Fachpersonal geht seit Jahren zurück. Mittlerweile gehen Studien wie das aktuelle „Ländermonitoring“ der Bertelsmann-Stiftung von etwa 120.000 fehlenden Erziehern in Deutschland aus. Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz seit August vergangenen Jahres hat dieses Problem merklich angeheizt, sagt Santifellar. „Wir brauchen deutlich mehr Fachkräfte“. Kitas müssen daher auf weniger qualifiziertes Personal ausweichen. Oder nutzen Praktikanten, die sich in der Ausbildung zum Erzieher befinden, für die Betreuung der Kleinkinder. Oder versuchen Arbeitslose zu motivieren, sich weiterbilden zu lassen.

          Ein Grund für die gestiegene Nachfrage nach Erziehern ist, dass immer mehr Eltern ihre bis zu drei Jahre alten Kinder in Kindertagesstätten geben. Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamts fanden zum 1. März zwar 662.000 Kinder einen staatlich geförderten Betreuungsplatz und damit 10,6 Prozent mehr als zum Vorjahreszeitraum. Dies entspricht einer bundesweiten Betreuungsquote von 32,5 Prozent. Nach einer aktuellen Befragung wünschen sich allerdings viel mehr Eltern ein solches Betreuungsangebot. Somit werden noch mehr Erzieher als jetzt schon gebraucht. Doch woher nehmen?

          „Hier gibt es in der Tat etwas zu tun“, sagt Bernhard Kalicki vom Deutschen Jugendinstitut, die sich dort um die Kinderbetreuung kümmert. Allerdings sei dieser Mangel nicht überall im Land so dramatisch wie in Ballungsgebieten. Nach wie vor stellt sich die Situation regional unterschiedlich dar. Aber auch bei der Nachfrage der Eltern existieren Unterschiede. Selbst innerhalb einer Kommune können die Elternwünsche zwischen verschiedenen Stadtteilen deutlich schwanken, zeigt eine Umfrage des Jugendinstituts.

          Der Personalschlüssel weiche teilweise erheblich von einem kindgerechten und pädagogisch sinnvollen Betreuungsverhältnis ab, schreiben die Autoren der Bertelsmann-Studie. In Bremen und Baden-Württemberg sei eine Erzieherin in den Krippen durchschnittlich für drei Kinder zuständig, in Sachsen-Anhalt hingegen für mehr als sechs Kinder. Würden die von der Bertelsmann Stiftung empfohlenen Personalschlüssel – ein Erzieher betreut drei Kinder – für alle Kitas in Deutschland verbindlich gelten, wären 120.000 zusätzliche Erzieherinnen erforderlich. Nach Berechnungen der Stiftung würde dies jährlich zusätzliche Personalkosten von rund 5 Milliarden Euro verursachen.

          Erzieher ohne Ausbildung

          Verglichen mit den derzeit in Kitas anfallenden Kosten in Höhe von rund 14 Milliarden Euro würde dies einen Anstieg um mehr als ein Drittel bedeuten.
          Um die Nachfrage der Eltern aufzufangen, wird also nicht nur in Beton investiert, sondern auch nach Möglichkeiten gesucht, dem gewachsenen Personalbedarf gerecht zu werden. Seit dem vergangenen Jahr erlaubt das Land Berlin seinen Kitas, bis zu einem Viertel des Personals ohne abgeschlossene Erzieherausbildung einzustellen. Einige Bundesländer erlauben schnelle Umschulungen. Viele Kommunen forcieren eine berufsbegleitende Ausbildung, auch in den Kindertagesstätten in Frankfurt, die mit der Berta-Jordan-Schule zusammenarbeiten. Während der Ausbildung sind die angehenden Erzieher etwa drei Tage pro Woche vor Ort, zwei Tage in der Fachschule.

          Die Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (Nubbek-Studie) kam kürzlich zu folgendem Ergebnis: Die pädagogische Arbeit in deutschen Kitas sei „im Durchschnitt nur mittelmäßig“. Quantität gehe vor Qualität. Experten bemängeln seit langem, dass es auch deshalb zu wenig Erzieherinnen gäbe, weil deren Bezahlung niedrig sei. Zudem würden viel zu wenig akademisch ausgebildete Fachkräfte engagiert.
          Ohne stärkeres finanzielles Engagement des Bundes seien diese Ausgaben allerdings für die meisten Länder und Kommunen kaum zu stemmen, sagen Kritiker. Die Bertelsmann Stiftung und der Deutsche Gewerkschaftsbund empfehlen deshalb, in einem Bundes-Kita-Gesetz festzulegen, für welchen bundesweit einheitlichen Standard der Bund welche Unterstützung leistet. Die Fachkraft-Kind-Relation wird in den Landesgesetzen geregelt. Gleiches gilt für die Definition, wer als Fachkraft gezählt wird. Der Paritätische Wohlfahrtsverband, einer der größten freien Träger, lehnt ein Bundesgesetz ab, weil er „Minimalstandards“ fürchtet. Die Politik hat sich noch nicht entschieden. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) und die Vorsitzende der Jugend- und Familienministerkonferenz, die Rheinland-Pfälzische Ministerin Irene Alt (Grüne), werden im Herbst zu einer Bund-Länder-Konferenz einladen.

          „Wenn beim Kitaausbau allmählich die Zielmarke erreicht ist, wird die Qualität der Erzieherinnen stärker in den Fokus rücken“, sagt Kalicki vom Deutschen Jugendinstitut. Qualifikation, Status, Einkommen und Aufstiegschancen würden dann die Stellschrauben sein, über die der Beruf attraktiver gemacht werden müsse. Die Frankfurter Kindertagesstätten werben auf Messen, in Fachschulen und auch mit einer Imagekampagne für den Beruf des Erziehers. Der Beruf solle endlich „cool“ werden, sagt Doris Santifellar. Die Bemühungen würden sich langfristig auszahlen, ist sie sicher.

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