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Nach dem Hoeneß-Urteil : Ausgespielt

Uli Hoeneß am Donnerstag im Gerichtssaal in München Bild: dpa

Uli Hoeneß war so mächtig wie niemand sonst im deutschen Fußball. Dann zeigte er sich selbst an. Abgründe offenbarten sich. Am Ende steht die Verurteilung eines ganz gewöhnlichen Steuerhinterziehers.

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          Es sind sehr lange zwei Minuten für Uli Hoeneß. Zwei Minuten, in denen er stehend auf seinen Richter wartet. Die Augen wandern ziellos ins Leere. Er richtet die weinrote Krawatte. Dann, es ist 14.07 Uhr, kommt Richter Rupert Heindl und verkündet das Urteil: dreieinhalb Jahre Haft.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          In den nächsten Minuten reibt sich Hoeneß zweimal mit dem Zeigefinger etwas aus dem Auge, während Heindl sein Urteil begründet. Und mit Hoeneß hart ins Gericht geht. „Ihre Selbstanzeige geschah nicht aus freien Stücken“, sagt er, „sie war getrieben von der Angst vor Entdeckung.“ Und: „Sie hatten viele Jahre Zeit, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Aber Sie haben, wie Sie selbst sagen, auf Zeit gespielt.“ Zu lange, um für die Spekulationsgewinne auf dem Konto bei der Züricher Vontobel-Bank eine Selbstanzeige zu stellen, die für das Gericht die Voraussetzungen erfüllt, strafbefreiend zu sein. „Sie haben sich selber ans Messer geliefert.“

          Machtlos und wortlos verlässt Hoeneß den Saal im Münchner Justizpalast. So wie er schon den Vormittag ohne viele Worte über sich ergehen ließ. Zu Beginn des Plädoyers von Staatsanwalt Achim von Engel hat man noch etwas Leben in seinen Zügen erkennen können. Als Engel ansetzt und wegen eines falsch eingestellten Mikrofons kaum zu hören ist, flüstert Hoeneß seinem Verteidiger noch mit dem Hauch eines Lächelns etwas ins Ohr. Doch dann verstummt er, lauscht starr und leicht errötet dem Vortrag des Staatsanwaltes. Der kommt zu dem Schluss, dem sich das Gericht später anschließt: Dass „eine wirksame Selbstanzeige nicht vorliegt.“

          Hier geht es um die Schattenseiten

          Engel fordert wegen „besonders schwerer Steuerhinterziehung“ eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren. Eine Zahl, die einige im Publikum gedämpft aufstöhnen lässt. Fünfeinhalb Jahre für Hoeneß, den starken, den stärksten Bayern? Den Mann, der seinem Verein in mehr als dreißig Jahren ein Gefühl der Unangreifbarkeit, des „Mia san mia“, vermittelt hat?

          Sehr viel war in den vergangenen Wochen von der „Lebensleistung“ des Bayern-Präsidenten die Rede gewesen, sehr viel war darüber spekuliert worden, dass diese Lebensleistung des Mannes, der den FC Bayern zu einem der finanziell und sportlich führenden Klubs in Europa gemacht und nebenbei noch manch anderes Gute getan hatte, vor Gericht eine möglicherweise strafmildernde Rolle spielen sollte. Am Ende spielte sie praktisch keine. Der Richter erwähnte sie in seinem Urteil nicht.

          Welch ein Absturz in nur zwei Jahren. Zu seinem sechzigsten Geburtstag Anfang 2012 hatte Hoeneß sich im funkelnden Münchner Postpalast für sein Lebenswerk von 500 Gästen, darunter Ministerpräsident Horst Seehofer und VW-Chef Martin Winterkorn, feiern lassen. Nun, mit 62 Jahren, muss er mit anhören, wie dieser glanzvolle Teil seines Lebenswerks im nüchternen Verhandlungssaal 134 des Münchner Justizpalastes nichts mehr zählt. Hier geht es um die Schattenseiten, die Gier, die Zockerei, die Hybris. Oder schlicht: Steuerhinterziehung.

          Ein gewöhnlicher Steuerhinterzieher

          Der Staatsanwalt sagt, dass man „die außergewöhnlichen Verdienste in Sport und Gesellschaft“, die sich Hoeneß „als Person der Zeitgeschichte“ erworben habe, „nicht gegenrechnen“ könne gegen Straftaten, um die es in diesem Prozess ging. Der Richter wird später Hoeneß als „Person der Zeitgeschichte“ bezeichnen, jedenfalls „nach den Kriterien des Urheberrechts“, wie er wohl etwas spöttisch präzisiert. Und nur diese Prominenz des Angeklagten hat nach Heindls Worten den Prozess mit seinen gewaltigen Mengen an Medienrummel und Wachpersonal „ungewöhnlich“ gemacht. Ungesagt schwingt mit, was Hoeneß vor diesem Richter ansonsten ist: ein ganz gewöhnlicher Steuerhinterzieher.

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