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Deutsche Bahn : Ein Abgang, der Fragen aufwirft

Volker Kefer während der Schlichtung zu Stuttgart 21 vor sechs Jahren im Stuttgarter Rathaus Bild: dpa

Volker Kefer verlässt die Bahn – mit ihm verliert das Unternehmen den kenntnisreichsten Fürsprecher von Stuttgart 21.

          Ohne Volker Kefer gäbe es in Stuttgart keine Großbaustelle für einen neuen Stadtteil und einen neuen Durchgangsbahnhof. Als der studierte Elektrotechniker und Maschinenbauer im Jahr 2009 von Siemens in den Bahnvorstand wechselte, konnte er nicht ahnen, welche Bedeutung „Stuttgart 21“ einmal für seinen Berufsalltag haben würde. Die anfängliche Skepsis gegen das Vorhaben legte er rasch ab, ließ sich vom Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Grube in die Pflicht nehmen, der dem Wunsch der Politik in Stadt, Land und Bund folgte – und wirkte schließlich entscheidend daran mit, das Infrastrukturprojekt durchzusetzen. Kefer überzeugte die Kritiker in der Bahn, gewann Verteilungskämpfe. Und im Jahr 2010, als Befürworter und Gegner des Projekts in wochenlangen Schlichtungsverhandlungen über jede Weiche diskutierten, war es der heute 60 Jahre alte Bahnvorstand, der auch auf die speziellsten Fragen der Stuttgart-21-Kritiker mit einem charmanten Lächeln reagierte und in sachlichem Ton fast immer eine fachkundige Antwort parat hatte.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am Ende der Schlichtungsgespräche machte Kefer dem grünen Bahnkritiker Boris Palmer sogar ein Jobangebot. „Der Lotse geht vom U-Boot“, sagt Palmer, mittlerweile nun Oberbürgermeister von Tübingen nun zur Ankündigung Kefers, als Infrastrukturvorstand der Bahn zurückzutreten. Kostensteigerungen und Terminschwierigkeiten, die die Bahn vor anderthalb Wochen öffentlich machte, werden als Grund für Kefers Demission genannt. Doch das ist nicht alles. Kefer hat in den zurückliegenden Jahren eine Reihe schwieriger Aufgaben an der Bahnspitze an sich gezogen, etwa im vergangenen Sommer die Verantwortung für das Sanierungsprogramm „Zukunft Bahn“. Damals wurde er zum Vize-Bahnchef gekürt, eine Position, die für ihn erfunden worden war – und die ihm wichtig war, weil sie ihn über interne Rivalen heraushob. Weil die schrumpfenden Ergebniszahlen und das Programm „Zukunft Bahn“ zu Veränderungen über alle Geschäftsfelder hinweg zwingt, forderte Kefer im Netz und auf Bahnhöfen, im Personen- und Güterverkehr kompromisslos Leistung, vor allem um die ambitionierten Pünktlichkeitsziele des Konzerns zu erreichen. Vielen Mitarbeitern erschien der Druck indes zu hoch. In manchen Abteilungen soll gejubelt worden sein, als am Dienstagabend die Nachricht von seiner Kapitulation bekannt wurde.

          Selbst Boris Palmer spricht von einer „gewissen Tragik“

          So vielfältig die Ursachen für Kefers überraschenden Rückzug sind, so gravierend ist der Wechsel in der Vorstandsposition für das Infrastrukturprojekt Stuttgart 21. Kefer war mit den Details des Projekts so vertraut, dass er sich trotz der zahlreichen zusätzlichen Aufgaben weiterhin detailgenau, geradezu detailverliebt, darum kümmerte. Wenn ein Beton für die Kelchstützen des neuen Durchgangsbahnhofs ausprobiert werden musste, den der Architekt Christoph Ingenhoven im klimatisierten Büro in die Planungsunterlagen geschrieben hatte, war es der Ingenieur Kefer, der sich um die Probleme der Bauausführung kümmerte und sich auch nie zu schade war, die Gummistiefel anzuziehen. Selbst Palmer sagt jetzt, für Stuttgart 21 sei es eine „gewisse Tragik“, wenn der kompetente Manager die Bahn verlasse.

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