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Mit 65 Jahren : Zur Rente verdammt

Rose-Rita Schäfer, von heute an im Ruhestand. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Programmiererin Rose-Rita Schäfer geht heute mit 65 Jahren in Rente, leider. Denn sie würde gerne länger arbeiten. Doch das geht nicht. Deswegen lädt sie ihre Kollegen zur „Trauerfeier“.

          Rose-Rita Schäfer hat ihre Kollegen zur „Trauerfeier“ geladen. Denn an diesem Freitag trägt sie ihr Berufsleben zu Grabe. Im Juli wird sie 65 Jahre alt. Im August dürfte sie in Rente gehen, doch dank Resturlaubs und eines prallgefüllten Überstundenkontos ist schon Mitte April Schluss. Die meisten Menschen würden wahrscheinlich sagen, dass Schäfer früher in den Ruhestand gehen darf. Sie selbst redet von „müssen“. Sie will nicht zum „alten Eisen“ gehören und fühlt sich schon diskriminiert, wenn sie von Dingen liest wie „Handy 50 plus mit extra großen Tasten“ oder „Internetkurse für Senioren.“ „Das klingt, als wäre man ein bisschen blöd“, klagt Schäfer.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Die quirlige Frau mit rötlichem Haar entspricht nicht dem Klischee vom deutschen Rentner. Doch ihre Dynamik erlischt schlagartig, wenn das Gespräch darauf kommt, was sie vom kommenden Montag an erwartet. Wenn sie nicht mehr um halb fünf morgens aufstehen, sich fertig machen und zur Arbeit gehen darf. „Die Vorstellung ist der blanke Horror“, sagt sie und blickt ins Leere.

          Frau Schäfer hat dafür gekämpft, dass sie weitermachen darf. Sie arbeitete als Programmiererin für den Optikkonzern Zeiss im hessischen Wetzlar. Ein paar Jahre hätte sie gern noch gearbeitet, doch sie hat verloren. Deshalb nennt sie den letzten Umtrunk im Kollegenkreis eine „Trauerfeier“. Viele verstünden aber gar nicht, wo ihr Problem liegt. Einige der Jüngeren fänden es zwar gut, dass sie weiterarbeiten wolle, glaubt Schäfer. Bei den mittelalten nehme die Skepsis schon zu, sie machten dann Witze wie: „Du kannst gerne meine restlichen Jahre bis zur Rente haben.“ Klarer fielen die meisten Kommentare von Kollegen in ihrem Alter aus: „Du spinnst, sei doch froh.“ Nur zwei oder drei hätten sich getraut und ebenfalls den Wunsch geäußert, gerne länger arbeiten zu wollen.

          Nach Gaucks Geschmack

          Scheinbar gibt es kein Verständnis dafür, wenn ein 65-Jähriger noch arbeiten will. Dabei wäre es nötig. Die Bevölkerung altert. Schon heute ist von Fachkräftemangel die Rede. Dabei steht der Abschied der Babyboomer-Generation aus der Arbeitswelt in den kommenden Jahren erst bevor. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat für 140 Berufe ausgerechnet, dass von den dort heute 6,7 Millionen beschäftigten Fachkräften innerhalb von 15 Jahren fast jeder Dritte in den Ruhestand gehen wird. Die Zahl der Nachrücker ist deutlich geringer.

          Dass Ältere länger arbeiten müssten, hat auch der Bundespräsident gesagt. Den kennt Rose-Rita Schäfer zwar nicht, aber sie müsste eine Frau nach seinem Geschmack sein. Vor wenigen Tagen hat Joachim Gauck, selbst zehn Jahre älter als Schäfer, seine Gedanken über die Bedeutung älterer Menschen in einer alternden Gesellschaft formuliert: „Sind wir als Gesellschaft bereit, für die große Bandbreite an Möglichkeiten im Alter eine entsprechend große Bandbreite an Gestaltungsoptionen vorzuhalten?“, fragte Gauck rhetorisch. Zwar beinhaltet der Berliner Koalitionsvertrag das Bekenntnis, „den rechtlichen Rahmen für flexiblere Übergänge vom Erwerbsleben in den Ruhestand zu verbessern“, und die Legislaturperiode ist noch nicht zu Ende. Gauck aber fürchtet, dass „die Diskussion über dieses Thema allzu schleppend verläuft und der nötige Wandel der Arbeitswelt noch nicht entschlossen vorangetrieben wird“. Eine Arbeitsgruppe der Koalition kommt nicht voran. Zu Beginn des Jahres hatte auch Frank-Jürgen Weise, der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, gesagt, nachdem die Politik mit der Rente mit 63 Jahren den früheren Ausstieg aus der Arbeitswelt gefördert habe, sollte sie nun auch Anreize setzen, „dass Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten können“.

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