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Präsidentenwahl in Amerika : Michael Bloomberg testet seine Chancen

Hat ein Faible für große Herausforderungen: Michael Bloomberg Bild: dpa

Sein Unternehmen könnte eine Milliarde Dollar einsetzen. Bloombergs Berater sondieren bereits die Chancen bei den Wählern. Doch einfach wäre es für den einstigen Bürgermeister von New York nicht.

          Eine große Unruhe plagt den 73 Jahre alten Medien-Unternehmer, Milliardär und ehemaligen Bürgermeister von New York Michael Bloomberg. Wer die Fernsehdebatten der Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur und deren Wahlkampagnen verfolgt, hegt tiefes Verständnis für diese Unruhe. In den Umfragen liegt auf demokratischer Seite mit Bernie Sanders (74 Jahre) ein selbsterklärter Sozialist vorn, dessen altmodische Rezepte ihm selbst in Schweden vermutlich nicht zum Wahlsieg verhelfen würden.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Im Wettstreit mit ihm steht Hillary Clinton, welche die Herzen nicht erreicht, permanent Zweifel an ihrer moralischen Integrität zerstreuen muss und zudem für die Fortsetzung der Politik mit bekannten Mitteln steht. Das allerdings wollen die Amerikaner eindeutig nicht. Auf republikanischer Seite liegt der Milliardär Donald Trump vorn, der Immigranten schlechtmacht, auch sonst ein gutes Gespür für die Stimmungslage der republikanischen Basis hat und vor substanzloser Rhetorik nicht zurückschreckt.

          Der andere beliebte Kandidat ist Ted Cruz. Er ist so konservativ und ideologisch, dass es selbst der eigenen Partei peinlich ist. Schließlich ist da noch Marco Rubio, der verbliebene Kandidat des republikanischen Establishments und einiger Hedgefonds-Milliardäre, von dem man seit der jüngsten Debatte weiß, dass er zumindest gut auswendig lernen kann

          Herausforderung wäre riesig

          Angesichts dieses Kandidatenfeldes ist es nicht verwunderlich, dass sich ein ehrgeiziger Mann wie Michael Bloomberg denkt, es müsste doch auch anders gehen. „Ich empfinde das Niveau der Auseinandersetzung als erschreckend banal, als eine Schande und als eine Beleidigung der Wähler“, zitiert ihn die „Financial Times“. Amerika habe Besseres verdient. Dass er eigene Ambitionen prüft, hatte zuvor schon die „New York Times“ berichtet.

          Sie wusste, dass Mitarbeiter beauftragt waren, Bloombergs Kandidatur als Unabhängiger zu sondieren. Sie durften einkalkulieren, dass der Unternehmer dafür eine Milliarde Dollar aus seinem Vermögen investieren würde. Bloombergs später Eintritt wäre eine weitere Überraschung in einem Wahlkampf voller Überraschungen. Die Herausforderung wäre allerdings riesig. Den letzten nur halbwegs erfolgreichen Versuch unternahm der Republikaner Theodore Roosevelt 1912. Er schlug zwar den eigentlichen republikanischen Kandidaten, doch es gewann damals Woodrow Wilson an der Spitze der Demokraten. Der andere Außenseiter, der sich 1992 ins Getümmel stürzte, war der Milliardär Ross Perot.

          Die Wahlkabinen in New Hampshire waren in patriotischen Farben und Motiven gestaltet. Bilderstrecke

          Politstrategen sagen heute, er habe damit Bill Clinton den Weg ins Weiße Haus gebahnt, weil er George Bush senior Stimmen gekostet habe. Dafür, so spekulieren Historiker, hat der linke Verbraucherschützer Ralph Nader mit seiner Kandidatur dem Republikaner George W. Bush junior ins Amt verholfen.

          Als Bürgermeister ein wohlwollender Despot?

          Das politische Kalkül lautet aktuell, dass Bloomberg sich nur in die Schlacht wagt, wenn Hillary Clinton nicht nur in New Hampshire, sondern auch in den Vorwahlen am 27. Februar in South Carolina schlecht abschneidet. Dann würde ein Zweikampf von zwei radikalen Kandidaten (Donald Trump oder Ted Cruz auf der einen und Bernie Sanders auf der anderen Seite) wahrscheinlicher. Das würde politischen Raum für einen gemäßigten Kandidaten in der Mitte schaffen, theoretisch zumindest. Bis Anfang März will sich Bloomberg entschieden haben. Spätestens bis dann müsste er seinen Namen auf die Stimmzettel bekommen, um überhaupt noch eine Chance zu haben.

          Eine weitere Herausforderung für den nicht parteigebundenen Bloomberg wäre es, mit schwierigen Mehrheitsverhältnissen im Parlament klarzukommen. New York hat er zwölf Jahre eher wie ein wohlwollender Despot regiert, sagen selbst Freunde. So leicht hätte er es auf nationaler Ebene nicht.

          Sein Unternehmen Bloomberg hat jüngst im Vorfeld der Iowa-Abstimmungen eine Umfrage an der Basis gemacht. Ergebnis: Neun Prozent der Republikaner fanden Bloomberg gut und 17 Prozent der Demokraten. Bloomberg ist unter eher Konservativen unbeliebt, weil er Advokat der Verschärfung der Waffengesetze ist und entsprechende Kampagnen im ganzen Land mit viel Geld fördert. Zudem fordert er radikale Maßnahmen zur Eindämmung der Klimaerwärmung, was Republikaner fundamental ablehnen. Freunde der Freiheit verstört Bloombergs Neigung, ihnen einen gesunden Lebenswandel vorzuschreiben mit den Verboten von Zigarettenkonsum und seinen Kampagnen gegen zuckerhaltige Brause in der Zeit als Bürgermeister von New York.

          Die Linke von New York erinnert daran, dass in seiner Amtszeit viele arme Leute wegen geringer Delikte ins Gefängnis kamen und die Zahl der Obdachlosen deutlich stieg. Zugute gehalten wird ihm allerdings, dass die Stadt in seinen zwölf Regierungsjahren lebenswerter und sicherer wurde. Offen ist auch, wie ein unabhängiger – keiner der Parteien angehörender – Kandidat Demokraten und Republikaner zu politischen Kompromissen bewegen will. Aber wenn es leicht wäre, würde sich Michael Bloomberg vermutlich gar nicht berufen fühlen.

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