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Mediennutzung : Mein Kind, ein Smartphone-Junkie

Smartphones spielen für Jugendliche eine große Rolle. Bild: dpa

Über die Gefahren des Netzes wird meist ausführlich berichtet. Doch machen die digitalen Medien wirklich dick, dumm, aggressiv und unglücklich?

          4 Min.

          Zweihundert SMS in zwei Stunden – der Direktor des nahe Frankfurt gelegenen Gymnasiums kann sein Entsetzen nicht verbergen. Zwei Stunden lang mussten die Oberstufenschüler wegen eines Theaterbesuchs ihre Smartphones ausschalten. Danach habe er wissen wollen, wie viele Kurznachrichten in dieser Zeit hereingekommen seien. Bei nicht wenigen waren es rund zweihundert. Kopfschütteln im Raum – auch die anwesenden Eltern können diese Zahl kaum fassen. Sie sind an diesem Abend in die Schule gekommen, um von einer Medienpädagogin zu erfahren, was ihre Kinder im Internet so treiben. Vorher erzählt der Direktor noch eine zweite Schreckensgeschichte. Eine Schülerin wurde im Unterricht mit dem Smartphone erwischt. Das Gerät wird dann einbehalten, die Eltern müssen es beim Direktor abholen. Das konnte die Schülerin nicht abwarten. Sie eilte, so rasch es ging, in des Schulleiters Zimmer, am ganzen Körper zitternd, wie eine Süchtige auf Entzug.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

          „Eine der Hauptsorgen von Eltern ist, dass ihre Kinder nicht mehr ohne das Smartphone leben können“, erklärt Angelika Beranek. Die Medienpädagogin wird regelmäßig zu Informationsabenden in Schulen eingeladen, denn viele Eltern und Lehrer haben ihre Erklärungen bitter nötig. Wenig verunsichert Mütter und Väter mehr als die Mediennutzung ihrer Kinder, vor allem wenn diese in der Pubertät sind. Plötzlich haben sie einen ständigen Begleiter: ihr Smartphone, ohne das sie anscheinend nicht mehr leben können. Aus eigener Erfahrung wissen die Eltern aber nicht, was ihre Kinder tun, schließlich sind sie noch ganz in der analogen Welt groß geworden. Das lässt Raum für Ängste. Wenn dann der Hirnforscher Manfred Spitzer unter dem Stichwort digitale Demenz eindringlich vor dem Gebrauch von Computer und Internet warnt, dann läuten die Alarmglocken der Eltern noch schriller.

          Täglich drei Stunden online

          Auch Statistiken zur Mediennutzung beruhigen kaum. Nach der JIM-Studie (Jugend, Information, Multi-Media), die der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest jährlich veröffentlicht, waren 2013 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren im Durchschnitt drei Stunden am Tag online, fast 50 Minuten länger als 2012. Der Hauptgrund: die rasant steigende Verbreitung der Smartphones. Hatten 2011 erst 29 Prozent ein Handy beziehungsweise Smartphone, waren es 2013 schon 73 Prozent; dieser Anteil hat sich seitdem noch weiter erhöht.

          „Viele Jugendlichen nutzen das Smartphone zwar intensiv, sie sind aber nicht abhängig“, sagt hingegen Beranek. Süchtig ist man, wenn man den Gebrauch von etwas nicht mehr kontrollieren kann. Das gilt nach Beraneks Angaben nur für wenige Jugendliche und dann für Computerspiele. Denn wo will man bei der Nutzung sozialer Medien wie Whatsapp, Twitter, Snapchat, Instragram und Facebook die Grenze zur Sucht ziehen? Süchtig wäre, wer seine Gedanken von solchen Anbietern nicht mehr lösen kann. „Doch man denkt ja nicht an das Medium selbst, sondern an die Freunde, die dort unterwegs sind“, erklärt Beranek. Tatsächlich zeigt die JIM-Studie, dass Jugendliche vor allem im Netz unterwegs sind, um zu kommunizieren: 45 Prozent ihrer Zeit im Internet verwenden sie dafür, 17 Prozent für Spiele, 13 Prozent für die Suche nach Informationen und 24 Prozent für Unterhaltung (Musik, Videos, Bilder).

          „Für Jugendliche gibt es kein Entweder-oder, die virtuelle Welt ist eine Verlängerung der realen Welt“, erklärt Mediensoziologin Sabina Misoch, die Schüler einer beruflichen Schule in Baden-Württemberg nach ihrer Mediennutzung befragt hat. Es sei für sie ganz normal, am Tisch mit Freunden zu sitzen und gleichzeitig am Smartphone mit einer Freundin, die man aus dem realen Leben kenne, zu chatten. „Diese Räume denken Erwachsene getrennt, für die Jugendlichen verschwimmen sie und verschmelzen miteinander. Je analoger man aufgewachsen ist, desto befremdlicher erscheint einem das.“ Weil jedoch das meiste, was Jugendliche mit dem Handy machten, Kommunikation sei und nicht surfen oder spielen, sollte man deren Medienverhalten nicht per se problematisieren. „Das ist einfach eine Verschiebung. Früher rief man Freunde an, heute schreibt man eine SMS oder postet auf Facebook.“ Natürlich lauerten im Internet auch Gefahren. Man könne in Chaträumen den falschen Personen begegnen; man könne Fotos posten, die man besser nicht verschickt hätte. Kinder und Jugendliche müssten selbstverständlich lernen, mit den digitalen Medien umzugehen Wichtig sei auch, wie Medienpädagogin Beranek erklärt, dass Eltern die Mediennutzung ihres Nachwuchses nicht verteufeln. „Sonst kommen ihre Kinder nicht zu ihnen, wenn sie wirklich einmal etwas Gefährliches gemacht haben.“

          „Ich schaue ständig auf mein Handy“

          Wenn über die Internetnutzung junger Menschen diskutiert wird, stehen meistens Gefahren im Mittelpunkt. Über die Vorteile wird selten gesprochen. Das Internet biete „große Chancen für die sozialpsychologischen Reifungsprozesse in dieser Lebensphase“, sagt Misoch. Und Pädagogin Beranek betont: „Es gibt viele Themen, die man gerade in diesem Alter über die Nutzung von Smartphones besonders gut bearbeiten kann.“ So ist eine Entwicklungsaufgabe in der Pubertät die Ablösung vom Elternhaus; Jugendliche müssen sich abgrenzen. Im Internet fänden sie einen privaten Raum, den die Eltern nicht richtig verstünden und über den diese sich auch mal aufregten, sagt Beranek. „Da können sie tatsächlich mal sagen, ich bin jugendlich und meine Eltern sind anders. Sich über Kleider und Musik abzugrenzen ist heute ja schwierig.“ Auch dafür, um die große Liebe zu finden, könne man das Internet gut nutzen. „Wenn ich meinen Schwarm kennenlernen möchte, schaue ich im Netz, welches Buch er mag, besorge es und schaffe einen Kommunikationsanlass. Wenn ich mit meiner Freundin weg war, dann poste ich, dass ich mit ihr weg war, um mich zu dieser Freundschaft zu bekennen. Dann warte ich ungeduldig, ob sie reagiert. Ich schaue ständig auf mein Handy. Ich kann es nicht weglegen.“ Beranek findet das ganz normal.

          Was viele Eltern den Kopf schütteln lässt, ist die große Zahl von „Freunden“, die ihre Kinder im Netz haben. Natürlich seien die meisten nur Bekannte, sagt Misoch. Sie warnt aber davor, die Bedeutung dieser „weak ties“ (schwachen Verbindungen) als gering zu erachten. „Soziale Akzeptanz sucht man nicht nur im engsten Freundeskreis, sondern auch in weiteren Kreisen. Denn man will wissen, ob die Identität, die man entwickelt, sozial anerkannt wird.“ Sonst habe man wenig Chancen, ein akzeptiertes und erfolgreiches Mitglied der Gesellschaft zu werden. „Die ,weak ties‘ können einem Menschen viel Stabilität geben, gerade in der adoleszenten Entwicklungsphase.“

          Und was ist dran an der These von der digitalen Demenz? Während Spitzers Warnungen auf große öffentliche Resonanz gestoßen sind, blieb eine vor kurzem veröffentlichte Studie der Medienpsychologen Markus Appel und Constanze Schreiner weitgehend unbemerkt. Appel und Schreiner fragen, ob die digitalen Medien wirklich dick, dumm, aggressiv einsam, krank und unglücklich machen – und finden für fast alle dieser Behauptungen keine wissenschaftlichen Belege. Gut belegt sei nur, dass gewalthaltige Computerspiele Aggressivität begünstigten. Die Psychologen warnen Eltern und Lehrer, alarmistische Thesen zu verinnerlichen. Dann sind sie für ihre Kinder keine guten Bezugspersonen – und können ihnen nicht helfen, die Herausforderungen des Netzes zu meistern.

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