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Maurice Lévy : Der gute Millionär

Der feine Herr Lévy: bestens verdrahtet in Paris, in Frankfurt Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank Bild: REUTERS

Maurice Lévy ist reich, schön und mischt jetzt das Pariser Establishment auf: „Besteuert uns!“, fordert der Unternehmer und Chef der drittgrößten Werbeagentur der Welt.

          Maurice Lévy hatte einen „Wutanfall“, wie er erzählt. Denn die französischen Debatten nach der Herabstufung der Vereinigten Staaten durch die Ratingagentur Standard & Poor's gingen ihm gegen den Strich. „Ich konnte bei den Journalisten und Ökonomen diese Lust am Untergang, diese Begeisterung fürs Schlimmste einfach nicht mehr ertragen. Alle waren sich einig, dass auch in Europa und in Frankreich quasi das Ende bevorstehe. Diesen Fatalismus kann ich nicht akzeptieren.“ Also setzte sich Lévy hin und schrieb mit seinem Füllfederhalter in zwanzig Minuten einen Aufsatz mit dem Titel: „Ein Beitrag der Meistbegünstigten ist geboten.“ Gemeint waren höhere Steuern für die Reichen. „Unser Land steckt seit Mitte der siebziger Jahre chronisch im Defizit“, hieß es da. „Die Neuverschuldung muss brutal und sofort sinken. Dass jene, die das Glück hatten, erfolgreich sein zu können, an dieser nationalen Anstrengung als Bürger teilnehmen, halte ich für normal.“ Kurz darauf erschien der Aufsatz in Le Monde und sorgte im urlaubsschläfrigen Paris für einen mittleren Donnerschlag.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Lévy leitet als Chef von Publicis nicht nur die drittgrößte Werbeagentur der Welt, er ist auch Präsident der einflussreichen Arbeitgebervereinigung Afep. Seine hundert Mitglieder hatten keinen blassen Schimmer von dem Aufruf. „Ich hatte keine Zeit, das abzustimmen“, sagt er trocken. Der Stein war damit ins Rollen gebracht. Die Zeitschrift Nouvel Observateur ließ kurz danach einen Aufruf mit dem Titel „Besteuert uns!“ unter Spitzenmanagern und Großaktionären kursieren. Sechzehn von ihnen unterschrieben, darunter der geistige Urheber Lévy.

          Forderungen auf festem Grund

          Die erste Enttäuschung ließ freilich nicht lange auf sich warten. Lévy hatte die Steuererhöhung nicht ohne Gegenleistung angeboten: Er forderte vom Staat eine kräftige Ausgabenkürzung und für die Unternehmen eine Senkung der Sozialabgaben. „Was Premierminister François Fillon jetzt ankündigte, erscheint mir überhaupt nicht ausreichend“, sagt Lévy im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In dessen „Sparpaket“ seien kaum weniger Ausgaben, dafür aber neue Belastungen für die Unternehmen vorgesehen.

          Für vergebliche Mühe hält Lévy seine Initiative dennoch nicht, denn jetzt könnten die Unternehmen auf festerem Grund Forderungen an den Staat richten. Ohnehin können er und seine Kollegen die fiskalische Geste gut verkraften. Die französischen Spitzenmanager gehören zu den bestbezahlten in Europa. Lévy erhielt im vergangenen Jahr 3,6 Millionen Euro Gehalt, davon 900.000 Euro fix, und bekam zusätzlich Aktienoptionen im Wert von 2,6 Millionen Euro. Sein persönliches Vermögen wird auf 175 Millionen Euro geschätzt. In Frankreich liegt der Spitzensatz der Einkommensteuer mit 41 Prozent zudem vier Punkte unter dem deutschen Niveau. Vermögensteuer kommt zwar hinzu, doch gibt es genügend Schlupflöcher zur Senkung der Last.

          Makellose Bilanz

          Lévy zweifelt keine Sekunde, dass er jeden Euro seiner Vergütung wert ist. „Ich hab' das alles durch nichts als meine Arbeit verdient. Wenn ich Aktien kaufte oder Optionen auslöste, habe ich mich dafür verschuldet“, berichtet er. An der Spitze von Publicis seit 1987, lässt seine Bilanz in der Tat wenig zu wünschen übrig. Der 69 Jahre alte Franzose hat sich mit seinen 49.000 Mitarbeitern sowie Tochtergesellschaften wie Leo Burnett, Saatchi&Saatchi, Digitas und Razorfish einen festen Platz unter den Großen der Welt erkämpft - auch für die Zukunft. Keiner der großen Konkurrenten schafft so wie Publicis schon 28 Prozent des Umsatzes im Internet. Seit Jahren befindet sich Lévy unter den digitalen Werbespezialisten auf Einkaufstour.

          Partnerschaften hat er mit Google, Facebook und Microsoft geschlossen. „Deshalb verzeichnen wir derzeit das höchste Wachstum, verglichen mit unseren großen Konkurrenten.“ Mit dieser Nähe zum Digitalen schließt sich für Lévy ein Kreis in seiner Laufbahn, denn er ist ausgebildeter Informatiker. Sein Vater war Philosophie-Professor mit Sympathien für die Linke und wurde einst von Franco in Spanien zum Tode verurteilt. Die jüdischen Eltern flohen ins französische Perpignan, wo sie wegen der Nazis aber nicht lange bleiben konnten. So wurde Maurice Lévy in Marokko geboren. Zuerst wollte er Arzt werden, doch weil er kein Blut sehen konnte, stellte er auf Informatik um. Nach dem Studium fing er bei einer kleineren Pariser Werbeagentur an, verließ diese aber, als ihm mit 29 Jahren der Chefposten angeboten wurde. Lévy wollte hoch hinaus, Informatikchef bei Publicis war da ein guter Einstieg. Anfang der siebziger Jahre brannte das Firmengebäude nieder, doch Lévy hatte einen Großteil der Kundendaten und Verträge elektronisch gespeichert. Seitdem ließ ihn der Publicis-Gründer Marcel Bleustein-Blanchet nicht mehr aus den Augen. 1975 wurde Lévy Generaldirektor.

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