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Martin Blessing : Der einsame Kämpfer

  • -Aktualisiert am

Martin Blessing Bild: ddp images/AP/Michael Probst

Martin Blessing hat Nackenschläge hinnehmen müssen und Stehvermögen bewiesen. Er kann neue Staatshilfen vermeiden. Das hat dem Chef der Commerzbank kaum jemand zugetraut.

          Eines kann man Martin Blessing nicht absprechen: Stehvermögen. Seit er im Mai 2008 zum Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank aufrückte, musste Blessing immer wieder harte Nackenschläge hinnehmen. Zuletzt spielte ihm die Europäische Bankenaufsicht (EBA) übel mit. Die EBA bescheinigte der Commerzbank Ende Oktober zunächst einen Kapitalbedarf von 2,6 Milliarden, änderte dann mit fadenscheinigen Argumenten die Regeln des ohnehin außerhalb geltender Gesetze erfolgenden Bankenstresstests und stellte dann Anfang Dezember - gegen den Widerstand der deutschen Bankenaufsicht - in der Commerzbank einen Kapitalbedarf von sage und schreibe 5,3 Milliarden Euro fest.

          Viele sahen damals Blessing am Boden. Ohne abermals Staatshilfe zu nehmen, werde sich die an der Börse nur mit 7 Milliarden Euro bewertete Commerzbank nicht berappeln, dafür sei das Kapitalloch einfach zu tief, hieß es fast einhellig. Doch Blessing hielt dagegen: Die Commerzbank plane ohne neue Staatshilfe auszukommen, ließ er tapfer mitteilen. Viele hielten das für eine Durchhalteparole. Jetzt hat Blessing den Bankaufsehern ein Konzept vorgelegt. Mehr als 50 Mitarbeiter haben daran mitgewirkt. Darin zeigt die Commerzbank hinreichend Maßnahmen auf, um ohne Hilfen vom Staat und der Allianz die Kapitallücke bis Jahresmitte zu schließen. Das wird dem gebürtigen Bremer Blessing zu Recht Bravorufe am Finanzplatz einbringen.

          Zweifelhafte Immobilienkredite

          Doch zumindest gegen die Versuchung, abermals Staatshilfe anzunehmen, war Blessing in den vergangenen Wochen nicht durchgängig immun. Schließlich verhandelte er vor Weihnachten mit der Bundesregierung darüber, zweifelhafte Immobilienkredite und Staatsanleihen der Tochterbank Eurohypo in einer Abwicklungsgesellschaft des staatlichen Bankenrettungsfonds Soffin abzuladen. Doch bald soll Blessing selbst von dieser Idee Abstand genommen haben. Denn ein Zitat hing ihm an. Es fand sich in allen Artikeln über die Kapiallücke der Commerzbank: „Da gehe ich nicht wieder hin.“

          Diese für ihn typisch flapsigen Worte über den Soffin hatte der 48 Jahre alte Blessing verwendet, als die EBA Ende Oktober 2,6 Milliarden Euro Kapitalbedarf festgestellt hatte. Sie waren gemünzt gewesen auf neues, direktes Kapital vom Soffin. Aber Journalisten hätten ihm seine Worte auch dann um die Ohren gehauen, wenn die Commerzbank nur mittelbar auf den Soffin zugegriffen hätte. Dass es zudem wenig Verständnis für die EBA und deren Ermittlung des deutlich gewachsenen Kapitalbedarfs von 5,3 Milliarden Euro gab, hätte Blessings Glaubwürdigkeit bei Anlegern kaum geholfen.

          Am Gängelband der Politik

          Das weiß der Vater von drei Töchtern aus eigener Erfahrung nur zu gut. Nach vier Monaten als Vorstandsvorsitzender entschied sich Blessing zum Kauf der Dresdner Bank, bei der er einst eine Banklehre gemacht hatte. Nur wenige Wochen später ging im Herbst 2008 Lehman Brothers insolvent. Die vielen strukturierten Wertpapiere der Dresdner Bank hingen nun wie ein Klotz am Bein der Commerzbank. Blessing war dennoch nicht bereit, den Kauf rückgängig zu machen. Der in streng marktwirtschaftlichen Kaderschmieden in St. Gallen und Chicago ausgebildete Ökonom zog es vor, im Winter 2008/2009 18 Milliarden Euro Staatskapital zu nehmen.

          Seither musste sich Blessing immer wieder gefallen lassen, als Banker am Gängelband der Politik dargestellt zu werden. Aktionäre beschimpften ihn, auch weil der Aktienkurs allein im Jahr 2011 um 70 Prozent einbrach. Dass sein Gehalt wegen der Staatshilfe vom Soffin auf 500.000 Euro gedeckelt wurde, wurmte Blessing, dessen Frau als Investmentbankerin arbeitet, wohl kaum. Aber geärgert haben dürfte ihn, dass Vorstandsvorsitzende von Landesbanken, die von Bundesländern und nicht vom Soffin gestützt wurden, wie LBBW und WestLB, weiter mit Millionensalären entlohnt wurden.

          Der große Tag

          Blessing ließ sich jedoch nichts anmerken. Dann kam im Frühsommer 2011 sein großer Tag. Die Commerzbank plazierte die größte Kapitalerhöhung aller Zeiten und zahlte 11,5 Milliarden Euro an den Soffin zurück. Eine große Last fiel von ihm. Aber im Rückblick hätte Blessing wohl lieber weniger als 11,5 Milliarden Euro, vor allem nicht die 3 Milliarden Euro aus damals als überschüssig qualifizierten Kapital, dem Soffin zurückgezahlt. Denn hätte Blessing dieses Geld heute noch, wäre die von der EBA festgestellte Kapitallücke leicht zu schließen.

          So aber muss Blessing weiter kämpfen. Sein Plan sieht vor, riskante Anlagen abzubauen, damit Kapital frei zu setzen und so bis Jahresmitte die Kapitaldecke zu schließen. Die Gefahr ist dabei groß, dass unter dem von der EBA gesetzten Zeitdruck Wertpapiere und Beteiligungen nur mit Verlust verkauft werden können und sich die Kapitallücke wieder vergrößert. Ob die Commerzbank dann nicht doch Staatshilfe braucht, wurde er in der Vergangenheit immer wieder gefragt. Blessing pflegt auf solche Fragen zu sagen: „Ich rasiere mich nicht im Voraus.“ Bisher hat er, wenn neue Schwierigkeiten auftauchten, tatsächlich immer eine Antwort gefunden. Wenn auch oft eine flapsige. Und selten eine gute für die Aktionäre. Aber Blessing lässt sich nicht unterkriegen.

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