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Manuela Schwesig : Auf die Pauke gehauen

Manuela Schwesig Bild: dpa

Manuela Schwesigs Vorstoß für eine 32-Stunden-Woche für Eltern zeigt, wem sie als Bundesministerin nacheifert: Ursula von der Leyen.

          Eben hat sich Manuela Schwesig von ihrer bisherigen Wirkungsstätte verabschiedet und – nach kurzem Zögern – ihr Landtagsmandat in Mecklenburg-Vorpommern aufgegeben, da setzt sie in Berlin als Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auch schon eine Duftmarke.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Wochenarbeitszeit für Eltern sollte 32 Stunden nicht überschreiten – bei vollem Lohnausgleich, versteht sich, finanziert aus Steuermitteln. Dieser Vorschlag, den die Kanzlerin gleich wieder kassierte, ist ein starkes Stück. Und doch wohl kalkuliert. Die Wirtschaft ist verblüfft. Deren Reaktion klingt ein bisschen wie verwirrtes Stottern: Aber viele Firmen böten doch schon flexible Arbeitszeiten an. Schwesig kann durch ihren Vorschlag politisch nur gewinnen, selbst wenn aus der Sache, wie zu erwarten, nichts wird. Und sie zeigt, wie rasch sie im politischen Betrieb lernt. Ihr wichtigster Vorzug dabei: Sie kennt keine Angst. Ganz nebenbei lugt bei ihrem Pauken-Vorschlag einer ihrer Lehrmeister um die Ecke. Eine Lehrmeisterin, um genau zu sein, die Schwesig selbst ganz bestimmt nicht als solche bezeichnen würde: Ursula von der Leyen.

          Ursula von der Leyen in ihrem neuen Amt

          Die beiden hatten schon häufiger miteinander zu tun. Die SPD hatte vor drei Jahren sogar versucht, Manuela Schwesig gleichsam als sozialdemokratisches Ebenbild von Ursula von der Leyen aufzubauen. Erstmals bekamen die Damen es 2009 indirekt miteinander zu tun. Damals unterstützte Schwesig die Vorschläge von der Leyens, Kinderpornografie im Internet durch das Sperren von Seiten zu bekämpfen. 2011 dann saßen sich beide gegenüber, als die vom Bundesverfassungsgericht angemahnte Reform des Arbeitslosengeldes II, auch Hartz IV genannt, anstand. Schwesig sprach für die SPD-Seite und trat erstmals mit Aplomb in der Bundespolitik auf.

          Ein Vorschlag wie Donnerhall

          Sie selbst nannte in dieser Zeit vor allem ihre Genossin Malu Dreyer als Vorbild und Ratgeberin, damals ihre Ministeramtskollegin in Mainz, inzwischen Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Aber Ursula von der Leyen, mit der sie nun am Kabinettstisch sitzt und Freundlichkeiten austauschen darf, muss Schwesig doch sehr beeindruckt haben. Denn sie machte es jetzt so, wie es auch von der Leyen gemacht hätte: Zuerst ein Vorschlag wie Donnerhall. Dazu ein ernstes Gesicht. Dann die nassforsche Art, Zweifler gleichsam vorab anzugehen: „Die Wirtschaft muss flexibler werden und Eltern, die ihre Arbeitszeit für die Familie reduzieren, auch gute Karriere-Chancen ermöglichen.“ Das alles wird so bestimmt vorgetragen, dass ein Kritiker sich gar nicht erst melden muss, wenn er weder Kinder noch Familie hat. Und all das ist bei Schwesig – wie bei Ursula von der Leyen – mit einem Ehrgeiz verbunden, der gar nicht erst versteckt, sondern geradezu wie eine Monstranz präsentiert wird.

          Erstaunlich. Manuela Schwesig trat erst 2003 in die SPD ein, mit 29 Jahren. Sie stammt aus Frankfurt an der Oder, lebt aber schon lange mit Mann und Sohn in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin. Als sie dort noch in der Finanzverwaltung arbeitete – erst im Finanzamt, dann im Finanzministerium –, kam sie in die Stadtvertretung und war schon bald SPD-Fraktionsvorsitzende. Beim Sturz des damaligen Schweriner Oberbürgermeisters nach dem Hungertod eines fünf Jahre alten Mädchens in der Stadt spielte sie schon eine maßgebliche Rolle.

          Mit ihrem ersten großen Förderer: Erwin Sellering

          Bei der für die SPD missglückten Neuwahl war sie noch zweite Reihe. Sie stand zwar schon mit auf den Plakaten, allerdings noch im Schwarzweiß-Umfeld des farbig gezeigten Kandidaten Gottfried Timm. Ihr erster großer Förderer war Erwin Sellering. 2008 wurde er Ministerpräsident. Schwesig folgte in sein bisheriges Ressort, das Sozialministerium im Marstall.

          Dass die Wahl auf sie fiel, hatte zweifellos viel mit Quote zu tun. Eine junge Frau mit kleinem Kind, noch dazu hübsch und umgänglich. Für Schwesig selbst waren das natürlich keine Kriterien. Sie bekam vielmehr die Chance ihres Lebens – und sie nutzte sie. Denn schon hatte Frank-Walter Steinmeier ein Auge auf sie geworfen. Sie gehörte vor der Bundestagswahl 2009 dem Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten Steinmeier an. Und wie zum Dankeschön wurde sie nach der verlorenen Wahl stellvertretende Parteivorsitzende. Schon lange vor der nächsten Bundestagswahl im September 2011 war in der SPD wie übrigens auch überall in Schwerin klar: Schafft es die SPD in Regierungsverantwortung, wird Schwesig Ministerin. Sie war gesetzt, bevor die Überlegungen über das Personal überhaupt begannen. Und sie war da schon lange nicht mehr „Steinmeiers Mädchen“, wie seinerzeit in Anspielung auf „Kohls Mädchen“ gesagt worden war.

          Bislang hatte Schwesig tatsächlich ihren Aufstieg mächtigen Männern zu danken. Zuletzt dem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel, der allerdings skeptisch gewesen sein soll. Als Bundesministerin muss sie sich selbst bewähren. Auf Berliner Parkett gibt es kein Pardon. Die 32-Stunden-Woche für Familien, natürlich präsentiert in der „Bild“-Zeitung, war der Aufschlag. Von ihr wird noch vieles in dieser Art zu hören sein.

          Eines freilich ist ihr in ihrer atemberaubenden Karriere noch nicht widerfahren, nicht zuletzt dank der schützenden Hände über ihr. Sie weiß nicht, dass man auch scheitern kann.

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