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Lufhansa-Vorstandschef Franz : Der Rettungsflieger

  • -Aktualisiert am

„Meins!“ Christoph Franz vor der Boeing 747-8, dem längsten Passagierflugzeug der Welt Bild: dpa

13 Millionen Euro Verlust im abgelaufenen Geschäftsjahr: Christoph Franz soll die Lufthansa sanieren. Dafür macht der Vorstandschef alles anders als sein Vorgänger. Das verschafft ihm richtig Ärger.

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          Vielleicht war die Begleitmusik für die neue Boeing 747-8 keine geschickte Wahl. Ausgerechnet den unverwüstlichen Song „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana hatte die Lufthansa ausgewählt für die Feier zur Ankunft der brandneuen Lufthansa-Maschine in Frankfurt vor ein paar Tagen. Während also das größte Passagierflugzeug der Welt in den Hangar rollt, flankiert von einer Gruppe von Trommlern, dröhnt es aus den Lautsprechern: Hello, hello, hello, how low?

          Nein, das ist keine klassische Einweihungs- und Rotes-Band-durchschneide-Musik, das ist antikapitalistische Grunge-Musik für Parties, auf denen Leute durch die Luft springen und gegen einander rempeln. Es ist ein Song, der Lust darauf macht, teure zerbrechliche Gegenstände mit viel Schmackes an die Wand zu werfen. Wieder und wieder grölt der suizidale Sänger Kurt Cobain Stimme den Refrain: Hello, how low?

          Vielleicht ist der Song aber auch genau die richtige Wahl, denn die Stimmung bei der Lufthansa ist zwar noch nicht suizidal, aber so richtig low. Und der Mann, der nach dem Trommelwirbel die 1300 Gäste unterhalten muss, so wie Sänger Kurt Cobain es brüllend verlangte („Here we are now, entertain us!“), trägt einen Großteil der Verantwortung dafür, dass die Laune partout nicht high werden will.

          Führung aus der Krise

          Christoph Franz, Jahrgang 1960, ist seit eineinhalb Jahren Vorstandschef von Lufthansa, und er muss Europas größte Fluggesellschaft aus einer tiefen Krise führen. 13 Millionen Euro Verlust hat der Konzern im abgelaufenen Geschäftsjahr eingeflogen. 3500 Stellen will der Vorstand nun streichen. Und das, obwohl voriges Jahr ein neuer Rekord gebrochen wurde: 106,3 Millionen Menschen flogen Lufthansa.

          Aber Millionen andere Passagiere wählten eben Billigfluglinien wie Ryanair oder Easyjet. Und noch schlimmer: Auf der lukrativen Langstrecke, mit deren Einnahmen Lufthansa seit langer Zeit die Einbußen im Deutschland- und Europa-Geschäft kompensiert, steigen viele Kunden um auf die mit Petrodollars subventionierten Golf-Airlines wie Emirates. Den einen ist Lufthansa zu teuer, den anderen nicht edel genug - dieser Spagat tut weh.

          Wohin Christoph Franz und sein Team auch blicken, überall im Konzern könnten sie schrauben, basteln oder kürzen. Da sind die Beteiligungen: Die defizitäre Tochtergesellschaft BMI ist man zwar endlich losgeworden, aber der Verkauf war verlustreich. Die unglückselige Tochter Austrian Airlines will sich nicht berappeln. Da sind die Strukturkosten: Lufthansa-Flugzeuge sitzen länger am Boden als Maschinen der Konkurrenz, und am Boden verdient eine Airline kein Geld. Sind die Flieger erst in der Luft, schlagen hohe Treibstoffkosten zu Buche.

          Ein Höllenjob

          Da ist das Personal: Viele Lufthansa-Piloten und Bordmitarbeiter verdienen dank uralter Tarifverträge üppiger als überall sonst. Sie werden organisiert von einer Handvoll streiklustiger Kleingewerkschaften, die sich beim Arbeitskampf abwechseln. Und in der Lufthansa-Zentrale arbeitet zwar ein Heer ausgezeichneter Marktforscher und Analysten - aber eben ein sehr großes Heer. Und zu guter Letzt ist da die Politik, die alle Fluglinien mit Ticketsteuern und Emissionszertifikaten quält.

          Keine Frage, Lufthansa-Chef zu sein, das ist ein Höllenjob. Aber er passt bestens zu dem Wirtschaftsingenieur Christoph Franz, der einen Großteil seines Berufslebens damit verbracht hat, Airlines zu sanieren: Schon kurz nach dem Berufseinstieg bei Lufthansa in den 90er Jahren steckte man ihn in eine Taskforce, die Sanierungspläne entwerfen sollte. Franz’ Ideen zahlten sich nicht nur den Konzern aus, sondern auch für ihn selbst: Er war seither per Du mit seinem Vorgänger Wolfgang Mayrhuber und seinem jetzigen Aufsichtsratschef Jürgen Weber.

          Franz ist kein Mann der flotten Sprüche, und weder eitel noch gefallsüchtig
          Franz ist kein Mann der flotten Sprüche, und weder eitel noch gefallsüchtig : Bild: dpa

          Franz wurde später - nach einem langen Umweg über die Deutsche Bahn - auch gerufen, um die Lufthansa-Tochter Swiss zu sanieren. Dort fuchste er sich ein in all die technischen Details und all die komplizierten Tarifverträge, in alle Schwarzbrot-Themen eben. Aus Frankfurt lieferten Mayrhuber und Weber ihm Schützenhilfe. „Sie haben ihm für die Swiss-Sanierung jeden erdenklichen Stein aus dem Weg geräumt“, sagt ein Branchenkenner. Auch als Franz 2009 in den Lufthansa-Vorstand aufstieg, als Verantwortlicher für die wichtigste Ertragsquelle, das Passagiergeschäft, war seine erste Amtshandlung eine Serie von Interviews, die zum Umdenken, zum Sparen, zur Nüchternheit mahnten. Auch jetzt, als Vorstandschef, ist er für seine Mitarbeiter weniger Motivator als Mahner.

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