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Lebensmittelpreise : Die Moral der Agrar-Spekulation

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Wie eine römische Phalanx: Im brasilianischen Bundesstaat „Mato Grosso“ werden Sojabohnen im großen Stil geerntet Bild: REUTERS

Mit Rohstoffindizes wird spekuliert. Die Spekulation hilft aber Bauern, sich gegen Preisrisiken abzusichern. Das ist wirtschaftlich sinnvoll und moralisch erwünscht. Sie verbieten zu wollen, würde das Anliegen torpedieren, den Hunger zu bekämpfen. Ein Essay.

          Nach einer längeren Phase eher moderater Preise für Agrarrohstoffe gab es im Jahr 2008 einen schnellen und überraschend dramatischen Anstieg. Die Verteuerung der Lebensmittel brachte vor allem von Armut betroffene Menschen in akute Schwierigkeiten. Rund um den Globus kam es zu Hungerrevolten. Noch während dieser Entwicklung gab es aus Kreisen der Finanzwirtschaft erste Selbstbezichtigungen. Hedgefonds-Manager machten eine exzessive Finanzspekulation für den plötzlichen Preisanstieg verantwortlich und forderten von der Politik eine rigide Regulierung und Einschränkung der Finanzmarktspekulation mit Agrarrohstoffen. Mittlerweile haben sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen diese Diagnose und die zugehörige Therapieforderung zu eigen gemacht. Sie kritisieren im Namen der Moral Banken als „Hungermacher“ und spielen auf die gute Kinderstube an, indem sie formulieren: „Mit Essen spielt man nicht!“ In Deutschland haben in den vergangenen Wochen schon mehrere Finanzinstitute erklärt, sich aus dem kritisierten Geschäftszweig zurückzuziehen.

          Was auf den ersten Blick so aussieht wie ein gelungener Lernprozess, in dessen Verlauf gesellschaftliche Missstände aufgedeckt und abgestellt werden, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein moralisches Eigentor zivilgesellschaftlicher Organisationen. Hierzu will ich aus wirtschaftsethischer Sicht Stellung nehmen. Dabei soll deutlich werden: Gerade dann, wenn man das moralische Anliegen ernst nimmt, die globale Lebensmittelversorgung zu verbessern, gelangt man zu völlig anderen Schlussfolgerungen, sobald man zur Kenntnis nimmt, welchen Erkenntnisstand die jüngere Forschung zu diesem Thema hervorgebracht hat.

          Wie funktioniert der Terminmarkt?

          Ein Beispiel: Ein Weizenbauer hat die Möglichkeit, seine Erntemenge an einen Großhändler zu den aktuellen Tageskonditionen (dem Kassapreis) zu verkaufen. Wenn er nun einige Monate vor der Ernte befürchtet, dass der Weizenpreis fallen wird, kann er versuchen, auf dem Terminmarkt ein Geschäft abzuschließen, mit dem er sich gegen dieses Preisrisiko absichert. Hierzu benötigt er einen Vertragspartner, der auf steigende Preise spekuliert. Die beiden vereinbaren dann einen Festpreis zum Erntezeitpunkt. Wenige Tage vor der Ernte schließt der Weizenbauer auf dem Terminmarkt ein zweites Geschäft ab, welches das erste neutralisiert und gewissermaßen glattstellt. Er geht nun eine Kaufverpflichtung ein, die seine frühere Lieferverpflichtung exakt kompensiert.

          In der Tat tauschen die Vertragspartner auf dem Terminmarkt typischerweise nur finanzielle Forderungen aus: Wurde im ersten Vertrag ein Preis von 100 vereinbart und sinkt der Preis wie vom Bauern erwartet auf 80, dann realisiert er durch die Saldierung der beiden Termingeschäfte einen Überschuss von 20 und verkauft seine physische Erntemenge an den Großhändler zum Kassapreis von 80. Steigt hingegen der Preis wider Erwarten auf 130, realisiert der Bauer durch die Saldierung der beiden Termingeschäfte einen Verlust von 30 und verkauft seine physische Erntemenge an den Großhändler zum Kassapreis von 130. In beiden Fällen erzielt er also, unabhängig vom jeweils aktuellen Kassapreis, einen im Vorhinein festgelegten Erlös von 100, der ihm eine sichere Kalkulationsgrundlage bietet.

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