https://www.faz.net/-gqe-72hjb

Lebensmittelpreise : Die Moral der Agrar-Spekulation

  • -Aktualisiert am
Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird steigen
Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird steigen : Bild: dpa

Seit 2008 hat es einen ganzen Schwung solcher Studien gegeben, die mit immer besseren Daten und einer immer größeren Trennschärfe des analytischen Instrumentariums der Frage nachgehen, ob es gerechtfertigt ist, die Indexspekulation kausal und dann auch moralisch dafür verantwortlich zu machen, dass im Jahr 2008 von Armut betroffene Menschen in akute Not gerieten, weil sie sich die stark verteuerten Lebensmittel nicht mehr leisten konnten. Die weit überwiegende Mehrheit aller Studien und der stark dominierende Trend der neuen, immer leistungsfähiger werdenden Studien gelangt zu dem Ergebnis, dass die Indexspekulation hohen Preisen zeitlich folgt, anstatt ihnen vorauszugehen. Dies spricht klar für eine funktionale Versicherungsleistung, die sich auch empirisch in einer geringeren Volatilität der Preise niederschlägt.

Aus ökonomischer Sicht sprechen also durchschlagende Argumente gegen eine Blasenbildung und stattdessen für eine Erklärung der Preisexplosion durch Schocks bei den wirtschaftlichen Fundamentaldaten: Einerseits lässt der zunehmende Fleischkonsum in China und Indien die Nachfrage nach Agrarrohstoffen überproportional ansteigen. Hinzu kommt die in den vergangenen Jahren stark ausgedehnte Subventionierung von Biosprit, die der Nahrungsmittelproduktion beträchtliche Flächen entzieht. Andererseits geht dies einher mit lokalen Ernteausfällen in Folge von Dürren, die - ähnlich wie auch in diesem Jahr - schon 2008 ein beträchtliches Ausmaß annahmen. Das Niveau der Lagerhaltung war historisch niedrig. Hinzu kam, dass mehr als 20 Länder Exportverbote erließen, um die Nahrungsmittel im eigenen Land zu halten. Sie nahmen dabei freilich in Kauf, die andernorts ohnehin schon strapazierte Versorgungslage nochmals politisch zu verschärfen.

Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird steigen

Was tun? Im konkreten Fall gilt: Der zivilgesellschaftliche Alarm ist ein Fehl-alarm. Die Diagnose wurde falsch gestellt. Deshalb ist auch die daraus abgeleitete Therapie unzweckmäßig: Wollte man die Indexspekulationen stark einschränken oder gleich ganz verbieten, wie es derzeit gefordert wird, dann würde dies die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter funktionieren lassen. Dem moralischen Anliegen, die Nahrungsmittelversorgung in der Welt zu verbessern, würde damit ein Bärendienst erwiesen.

Die richtige Diagnose lautet: Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird auf absehbare Zeit steigen. Daraus folgt als Therapie, dass man gerade im Interesse der von Armut betroffenen Menschen konsequent auf die Ausdehnung des Angebots setzen muss. Hierfür sind hohe Preise durchaus zweckdienlich. Trotzdem muss man sich nicht allein darauf verlassen. Vielmehr kann die Politik zahlreiche Maßnahmen ergreifen, um Fehlanreize abzubauen, die einem größeren Angebot derzeit im Wege stehen:

  • In vielen Entwicklungsländern mangelt es an Investitionen in die landwirtschaftliche Infrastruktur.
  • Viele Bauern leiden immer noch darunter, dass ihnen der Marktzugang erschwert ist.
  • Die Innenpolitik zahlreicher Länder fördert ineffiziente Produktionstechnologien und ineffizient kleine Produktionseinheiten in der Landwirtschaft.

Weitere Themen

Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk Video-Seite öffnen

Zwentendorf : Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk

In Betrieb gegangen ist das einzige Atomkraftwerk Österreichs nie, da sich die Menschen in einer Volksabstimmung in den siebziger Jahren gegen die Kernkraft entschieden. Aus Wien kommt nun heftiger Widerstand gegen die Brüsseler Taxonomie-Verordnung.

Topmeldungen

Strenge Kontrollen: Teststation in Zhengzhou am 15. Januar

Omikron in China : Post aus dem Ausland? Ab zum PCR-Test!

Die chinesische Seuchenschutzbehörde ist in Erklärungsnot. Trotz strenger Maßnahmen gibt es immer wieder Corona-Ausbrüche. Die Schuld daran gibt sie dem üblichen Verdächtigen: dem Ausland.
Pierin Vincenz im Februar 2015

Schweizer Wirtschaftskrimi : Auf Spesen ins Striplokal

Dem ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz drohen bis zu sechs Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Banker gewerbsmäßigen Betrug und Veruntreuung vor. In der Anklage geht es nicht nur um Ausflüge in Rotlichtbars.
EZB-Präsidentin Lagarde

EZB-Präsidentin : Lagarde: Wir haben die Inflation unterschätzt

Die EZB-Präsidentin hebt beim Weltwirtschaftsforum hervor: Die Notenbank müsse jetzt zumindest offen bleiben für Änderungen des Inflationsausblicks. Von anderer Seite gibt es heftige Kritik.
Friedrich Merz im Deutschen Bundestag

Wahl des neuen Vorsitzenden : Wohin führt Merz die CDU?

Im dritten Anlauf erreicht Friedrich Merz endlich sein Ziel: Am Samstag wird er Bundesvorsitzender der CDU. Bis zu den anstehenden Landtagswahlen muss er eine Richtung vorgeben. Aber welche?