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Landlust : Die Sehnsucht nach dem Echten

Bild: Getty Images

Die Deutschen entdecken ihre Liebe zur Provinz. Einige ziehen ganz raus, andere leisten sich ein Ferienhaus. Die meisten aber bleiben in ihrer Stadt und träumen sich hinaus.

          6 Min.

          Sie ist Single, auf dem Land groß geworden, doch lange schon lebt sie dort, wo Berlin sich besonders großstädtisch anfühlt, im Stadtteil Schöneberg. Ein typischer Feierabend läuft für sie so: Immobilienscout.de wird hochgefahren. Voreingestellt ist die Suche nach etwas hübschem Billigen in der Uckermark, oder auch im Oderbruch, auf jeden Fall aber ziemlich „jot we de“. Wenn ein Objekt dann attraktiv erscheint, tippt die TV-Journalistin den Ort in Google.maps ein, und auch in Bahn.de: Einfach mal testen, wie weit es wäre zum Häuschen im Grünen, wenn es denn ihres wäre. Dann lässt die Frau ihre Gedanken wandern, danach macht sie zum Beispiel die Wäsche.

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          In zehn Jahren hat sich die Berlinerin nur zweimal da draußen Häuser angeguckt, um dann unverrichteter Dinge - aber nicht missgestimmt - nach Berlin-Schöneberg zurückzukehren. Sehnsucht lässt sich eben nur so lange genießen, bis sie gestillt wird.

          Eine alte Liebe der Deutschen feiert ihren x-ten Frühling

          Eine alte Liebe der Deutschen feiert gerade ihren x-ten Frühling, die Liebe zum Land. Sie pocht heftig, diese Liebe, und ausgelebt wird sie erst einmal auf dem Papier: Man bestellt sich Magazine. „Landlust“ heißt eines. Alle Printjournalisten beobachten neidisch den Höhenflug dieser Zeitschrift. Sechs Mal im Jahr erscheint die Illustrierte aus einem Agrar-Verlag in Münster. Inzwischen verkauft sie sich besser als der „Spiegel“. Die Zeitschrift verdient deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil sie offensichtlich einen Nerv trifft. Die Leute suchen das Urige, Langsame, Ehrliche, Geerdete.

          Wie ernst aber ist die Liebe wirklich? Materialisiert sie sich jenseits von Bestellungen der „Landlust“ oder bei Manufactum und jenseits vom Urlaub auf dem Bauernhof (den immerhin rund 1,6 Millionen Menschen im Jahr buchen)? Denn eines steht fest: Noch nie war Deutschland ein so verstädtertes Land wie heute. „Die Bevölkerungszahl des ländlichen Raums nimmt seit 2005 ab“, so beschreibt der Raumplaner Stefan Siedentop von der Universität Stuttgart die Lage selbst für Baden-Württemberg, wo die Dörfer eigentlich stets prosperierten.

          Zwischen 30 und 50 suchen die Leute das Grüne

          16,2 Prozent der Deutschen lebten 2010 in Großstädten mit mehr als einer halben Million Einwohner, das sind zwei Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Und der Trend reißt nicht ab. Vor allem die 18- bis 30-Jährigen strömen seit Jahren in die Städte. Sie kommen aus einem Grund: „Großstadt ist einfach geiler.“ Steffen Kröhnert, Demographie-Experte des Berlin-Instituts, sagt es differenzierter: Unter den Motiven, die Menschen in die Stadt drängen lassen, steht die „kulturelle Attraktivität“ noch vor Kriterien wie „geeignete Universität oder alternative Ausbildungsinstitution“. Man geht nach Berlin oder München, weil sie anziehend sind - anständige Universitäten finden sich dort ja ohnehin.

          Aber in der Lebensphase von 30 bis knapp 50 Jahren wird es doch ernst. Da passieren Dinge, die die Leute wieder das Grüne suchen lassen: Zum Beispiel kommen Kinder. Neben den Traum-Touristen, die auch als Eltern noch in der Stadt bleiben, gibt es auch die echten Rauszieher: Diese Gruppe dringt aber auch nicht allzu weit vor in die Provinz. Sie sind an die Metropolen gebunden wegen der Arbeit, oder weil sie auf Theater und Oper nicht verzichten wollen.

          Am schnellsten wachsen Orte, die 20 Minuten von der Großstadt weg sind

          Diesem Trend verdankt die Welt Ballungsräume: Den größten Bevölkerungszuwachs haben Orte, die nicht mehr als 20 Fahrminuten vom nächsten Oberzentrum entfernt liegen, hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ermittelt. Bei mehr als 40 Minuten Abstand wird es kritisch: „Je größer die Entfernung zu Großstädten mit Schulen, Krankenhäusern oder Einkaufsmöglichkeiten ist, desto stärker fällt tendenziell der Bevölkerungsrückgang aus.“

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