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Kunst-Ikone als Unternehmer : Die Firma Dürer

Zieht noch heute die Menschen an: Eingang zur Dürer-Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum Bild: dpa

Albrecht Dürer war ein Genie der Kunst – und ein Meister des Geldverdienens. Er schuf eine eigene Marke, nahm Kredite auf, ließ Kunstdrucke in ganz Europa verkaufen und starb als Ikone.

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          Das bestellte Altargemälde wurde wunschgerecht geliefert. Der Eklat war entschärft, die Beschimpfungen verstummt, der Preispoker beendet. Der Maler und sein Auftraggeber bekamen jeder, was er wollte: der Frankfurter Patrizier Jakob Heller ein erstklassiges Kunstwerk für die Grablege in der Kirche seiner Heimatstadt; der Nürnberger Meister Albrecht Dürer fast den doppelten Lohn. 130 Gulden waren ausgemacht, 200 Gulden wird er bekommen. Doch der sonst so geschäftstüchtige Maler hatte sich mit dem Auftrag ordentlich verrechnet.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn große Auftragsarbeiten auf Holz und in Öl galten als Kunst der alten Zeit, vor der Tür aber stand eine neue Epoche. Sie brachte neue Techniken und neue Produkte: Druckerpressen, Holzschnitte und Kupferstiche. Riesige Auflagen werden den Markt bestimmen. Bücher wurden zum Massenmedium. Kunst trat ins Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ein. Dürer sah seine Chance. Er war nicht nur Maler, er war auch Unternehmer.

          Was für Jakob Heller im Sommer 1509 ein Schnäppchen, war für Dürer eine Lehre. Die Arbeit war ihm eine Plagerei, das Ergebnis ein Meisterstück – das letzte seiner Art. Schon als er zwei Jahre zuvor den Auftrag Hellers angenommen hatte, wusste er, dass er keine weitere Bestellungen eines Großgemäldes akzeptieren wird. Auf dem ersten Höhepunkt seines Schaffens stand Dürer vor einem Werk, das seiner Meinung nach die Kraft und Sorgfalt nicht verdiente, die es ihn gekostet hatte. Brauchten solche riesigen Bilder doch nicht nur Mühe, sie brauchten auch Zeit; und Zeit war Geld, und Geld war Dürer so wichtig wie die Kunst.

          Ein Geist zwischen Reformation und Renaissance

          Das ließ er Heller wissen, sandte ihm ein knappes Dutzend geharnischter Briefe, beklagte seinen Aufwand, rechnete seine Zeit-, Auftrags- und Verdienstausfälle vor, schrieb von tausend Gulden und forderte den dreifachen Preis. Der Heller-Altar brachte Dürer zwar gutes Geld, doch das ganz große Geschäft lockte jetzt woanders: Seit Johannes Gutenberg um 1450 in Mainz für den Druck neuer Bücher bewegliche Lettern eingesetzt hatte, rollte eine Revolution durch Europa. Sie ließ nichts, wie es war. Dürer stand zwar in der ersten Reihe, doch fand er sich nun mit feinsten Pinseln an der Staffelei vor seinem Altarauftrag wieder.

          Er hatte eine eigene kleine Firma, beschäftigte zwei Gesellen und war ein volles Jahr nur an diesem einen Werk tätig. Betende Hände, faltige Gewänder, bärtige Gesichter. Klassiker des Abendlandes. Dürer hatte die hohen Holztafeln mehrmals weißen und grundieren lassen und sich mit teuersten Farben an die Arbeit gemacht: die Krönung der in den Himmel fahrenden Maria samt der halben Apostel- und Stiftergeschichte. Ein frommes Werk und eine Schwerstarbeit.

          Das Grau mischte er selbst, das Rot kam aus Polen, das Ultramarin vom fernen Hindukusch. Der blaue Lasurstein aus Afghanistan wurde auf den Märkten von Nürnberg mit Gold aufgewogen: die Unze für 24 Gulden. Ein Vermögen. Dürer musste zahlen; Heller hatte es vertraglich so fixiert. Geschäft ist Geschäft. Dürer wollte kleine Bilder zu großen Preisen; Heller wollte große Bilder zu kleinen Preisen. Ein Altarwerk von Veit Stoß hätte den Frankfurter Kaufmann 400, eines von Bartholomäus Bruyn 600 und eines von Michael Pacher tausend Gulden gekostet. Hohe Preise. Dürer war im Angebot. Ein Maler zwischen Kunst und Kommerz.

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