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Kreml-Gegner : Chodorkowskijs versunkene Schätze

  • -Aktualisiert am

Im Fokus: Michail Chodorkowskij Bild: REUTERS

Die Finanzen des einst reichsten Russen sind undurchsichtig. Was vom Yukos-Vermögen übrig geblieben ist, bleibt verborgen. Der Finanzplatz Schweiz für seinen Ölkonzern einst von großer Bedeutung.

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          Michail Chodorkowskij, bis vor kurzem Russlands prominentester Gefangener, verbringt nun nach zehn Jahren Haft seine neue Freiheit in der Schweiz. Die Zeit wird er sicherlich auch nutzen, seine Finanzen zu ordnen. In der ersten Pressekonferenz nach seiner Freilassung hatte Chodorkowskij vor Weihnachten in Berlin nur gesagt, seine Situation erlaube es, dass er nicht um des Geldes willen arbeiten müsse. Auch habe er keine Pläne, wieder in das Erdölgeschäft einzusteigen. Das russische Magazin „Forbes“ hatte Chodorkowskij im Jahr 2001 zum reichsten Mann des Landes erklärt. Im internationalen Ranking brachte es der Magnat mit einem einstmals geschätzten Vermögen von 15 Milliarden Dollar bis auf Rang 26 – das war im Jahr 2003, als ihn der Kreml wegen Steuerhinterziehung und Betrug verhaften ließ.

          In einer Analyse kurz vor Jahresende beschrieb „Forbes“, wie Chodorkowskij vor seiner Verhaftung mit seinem Geschäftspartner Platon Lebedew und anderen Investoren ein in Gibraltar domiziliertes Finanzvehikel namens Menatep unterhielt, das 61 Prozent am damaligen russischen Erdölkonzern Yukos besaß. Chodorkowskij selbst gehörten direkt knapp 10 Prozent an Menatep, aber er hatte weitere 50 Prozent auf andere Aktionäre übertragen. Als sowohl Chodorkowskij wie Lebedew 2003 verhaftet wurden, wanderten ihre Anteile nach einem eingebauten Notfallmechanismus zu ihrem nach Israel geflohenen Partner Leonid Newslin. Der wurde in Russland Jahre später wegen der Erteilung von Mordaufträgen verurteilt.

          Fraglich ist nun zum einen, welche real vorhandenen Vermögenswerte Chodorkowskij noch besitzt, und zum anderen, welche Vermögenswerte ihm aus der Zerschlagung seines Yukos-Konzerns eventuell zustehen. „Forbes“ kommt nach einer Recherche zu dem Schluss, dass aus dem inzwischen geschrumpften Vermögen von Menatep sicherlich noch 100 bis 250 Millionen Dollar auf den einstigen Magnaten entfallen. Er kann durchaus reicher sein, aber Chodorkowskij bemühte sich in seiner aktiven Zeit, sein Vermögen über ausländische Konten zu zerstreuen. Im Jahr 2011 stießen die deutschen Behörden beispielsweise laut Medienberichten bei der Frankfurter Filiale der Schweizer Privatbank Julius Bär auf 15 bis 20 Millionen Euro, die Chodorkowskij gehören sollen.

          Schweigen über weitere Pläne

          Die Schweiz war in der Blütezeit von Yukos eine wichtige Finanzdrehscheibe für den Ölkonzern und Chodorkowskij. Auf Antrag der russischen Regierung blockierte die Bundesanwaltschaft nach der Verhaftung des Oligarchen 6,2 Milliarden Dollar auf Schweizer Bankkonten. Das Bundesgericht hob aber 2004 die Sperre des größten Teils der Gelder auf und begründete dies mit der Annahme, dass der Prozess politisch motiviert sei. Damit verbiete sich eine Rechtshilfe. Ein Restbetrag von 200 Millionen Dollar wurde Chodorkowskij drei Jahre später zurückgegeben.

          Der Aufstieg von Yukos vor der Verhaftung ihres Haupteigners hatte 1999 begonnen, als ein Gewinn von 1,2 Milliarden Dollar geschrieben wurde. Im Jahr zuvor hatte der Ölkonzern im Sog der russischen Finanzkrise einen Verlust von 680 Millionen Dollar hinnehmen müssen. In diesem Zusammenhang erklärte sich die auch als Bank von Yukos fungierende Menatep außerstande, einen Bankenkredit über nahezu 240 Millionen Dollar fristgerecht zu tilgen. An dem Kredit war aus Deutschland auch die WestLB beteiligt. Als Sicherheit hatte sie Yukos-Aktien erhalten, die aber in dem Krisenjahr heftig an Wert verloren. Anfang 2001 hatte Chodorkowskij wieder Oberwasser. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar stufte er sein Unternehmen gegenüber dieser Zeitung als „durch und durch gesund“ ein.

          Über seine weiteren Pläne hat sich Chodorkowskij nach der Reise in die Schweiz bisher nicht genauer geäußert. Bekannt ist nur, dass er sich für die politischen Gefangenen in seiner Heimat einsetzen will. Zurzeit soll sich der Fünfzigjährige mit seiner Familie in Montreux aufhalten, dem Wohnsitz seiner Frau und der beiden 14 Jahre alten Zwillingssöhne. Das ihm von der Schweiz ausgestellte Schengen-Visum erlaubt einen Aufenthalt von maximal drei Monaten. Montreux ist bei Russen als Wohnsitz sehr beliebt. Unter den 25.000 Einwohnern leben 800 in der Stadt am Genfer See.

          Warten auf die Bankverbindung

          Um die Relikte des zerschlagenen Yukos-Konzerns will der Russe jedenfalls nicht persönlich kämpfen, wie er Ende Dezember in einem Interview mit dem Fernsehkanal „Doschd“ sagte. Er werde sich auch nicht vor Gericht für die Anliegen anderer Yukos-Aktionäre einsetzen und wolle auch keine Kompensationen aus solchen Prozessen erhalten. Das Thema sei für ihn abgeschlossen, so Chodorkowskij. Andererseits sagte er nicht, dass er dritte Personen von solchen Prozessen abhalten will.

          Die Vermögenswerte von Yukos wurden hauptsächlich, aber nicht nur an den staatlich kontrollierten Konzern Rosneft versteigert, um angebliche Steuerschulden des später für bankrott erklärten Unternehmens zu begleichen. Auch ausländische Firmen wie die italienischen Energiekonzerne ENI und Enel kamen zum Zuge. Hauptziel der seit Jahren andauernden Rechtsstreitigkeiten um Kompensationen ist allerdings Rosneft, heute der größte börsennotierte Erdölkonzern der Welt. Die ehemalige Yukos-Tochtergesellschaft Yukos Capital fordert laut der Agentur Interfax vor einem New Yorker Gericht von Samaraneftegas die Erstattung von bis zu 186 Millionen Dollar. Samaraneftegas war von Rosneft übernommen worden und ist heute dessen zweitgrößte Produktionseinheit. Eine weitere Tochter, Yukos International UK, streitet sich mit Rosneft und anderen Parteien um Kompensation über bis zu 333 Millionen Dollar.

          Rosneft-Geschäftsführer Igor Setschin sagte vor Jahresende nach einem Gespräch mit Russlands Präsident Wladimir Putin, er erwarte von diesen Gerichtsverfahren keine Risiken für Rosneft. Bis jetzt sei man mit ihnen zurechtgekommen. Chodorkowskijs Bitte um Begnadigung habe zudem die rechtliche Grundlage gestärkt, um Rosnefts Interessen zu schützen. Zynisch bat Setschin Chodorkowskij, ihn bei einer Jobsuche bei Rosneft zu unterstützen – auch wenn alle Positionen im Top-Management schon vergeben seien.

          Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (ECHR) hatte im Jahr 2011 Schadensersatzforderungen wegen der Zerschlagung von Yukos zurückgewiesen. Allerdings verurteilte er Russland im Juli vergangenen Jahres zur Zahlung von 10.000 Euro an Chodorkowskij, weil seine Rechte während der Ermittlungen verletzt worden seien. Interfax zitierte das Justizministerium Ende Dezember mit den Angaben, es werde Chodorkowskij das Geld überweisen, wenn er seine Bankverbindung mitteile.

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