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Konsumkritik konkret : Der Mann ohne Geld

Raphael Fellmer hat im Bio-Supermarkt Beute gemacht Bild: Jens Gyarmaty

Er hat kein Konto und keine EC-Karte, verdient nichts und zahlt für nichts. Das funktioniert gut – weil die anderen Menschen Geld haben.

          5 Min.

          Es war gar nicht so einfach, doch jetzt hat Raphael Fellmer ein neues Zuhause für sich und seine Familie gefunden: Vor einer Woche ist er mit seiner Frau Nieves und seiner Tochter Alma Lucia umgezogen, in das Haus von Julia und Harald Käsmeier in Berlin-Zehlendorf, 165 Quadratmeter, vier Zimmer. Den beiden Medizinern wurde es darin einfach zu einsam, obwohl sie selbst drei Kinder haben. Ein Zimmer, 30 Quadratmeter groß, wollten sie vermieten.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Für Raphael Fellmer ist das ziemliches Glück, denn er ist kein gewöhnlicher Mieter. Fellmer bezahlt nämlich keine Miete. Genau genommen bezahlt er überhaupt nichts: Er hat kein Konto und keine EC-Karte, besitzt keinen Cent Bargeld. Nicht etwa, weil er keine Arbeit findet, sondern, weil er es so will: Der 30 Jahre alte Weltverbesserer hat sich ganz bewusst dafür entschieden, in einem der reichsten Länder der Welt ohne Geld zu leben, um damit gegen die Überflussgesellschaft zu protestieren.

          Es klingt plötzlich gar nicht so schwierig

          Harald Käsmeier findet diese Idee so unterstützenswert, dass er die kleine Familie nicht nur mietfrei bei sich wohnen lässt, sondern auch noch ihre Kosten für Strom, Wasser und Heizung übernimmt. „Die gegenseitige Bereicherung ist uns viel mehr wert als 300 Euro Miete im Monat“, sagt Käsmeier. Das könnte man als Vermieter auch anders sehen.

          Nun braucht Raphael Fellmer natürlich nicht nur einen Platz zum Schlafen. Er muss auch etwas essen, braucht ab und zu neue Klamotten, vielleicht mal ein paar Möbel. Wenn er krank wird, müsste er auch mal zum Arzt gehen. Die Frage, die sich wohl jedem aufdrängt, der zum ersten Mal von Raphael Fellmers Geschichte hört, lautet deshalb: Wie kann das funktionieren? Wie kann jemand komplett ohne Geld leben?

          Wenn man ihn kennenlernt, klingt es plötzlich gar nicht mehr so schwierig. Ein Wintermorgen im Dezember, Raphael Fellmer stoppt sein Fahrrad vor einem großen Bio-Supermarkt in Berlin. Er duzt jeden, was einem Journalisten zunächst ungewöhnlich erscheint; Fellmer erschwert es einem, durch das „Sie“ die kritische Distanz zu wahren. Auch die herzliche Umarmung zur Begrüßung ist eher ungewohnt. Doch seine Herzlichkeit macht es schwer, ihn nicht auf Anhieb sympathisch zu finden.

          Der kleinen Familie scheint nichts zu fehlen

          Einmal in der Woche holt Fellmer bei dem Bio-Supermarkt das ab, was die Kunden liegen lassen und was auch die Tafeln nicht mehr wollen. Früher war er drei bis vier Mal in der Woche nachts unterwegs, um den Müll der Supermärkte nach Resten zu durchstöbern – „Containern“ oder Lebensmittel „retten“, wie er es nennt. Das läuft heute einfacher: Der Supermarkt ist froh, die Lebensmittel nicht wegwerfen zu müssen. Und Fellmer und seine Familie haben nicht nur genug zu essen, sie ernähren sich auch noch biologisch und vegan.

          An diesem Morgen gibt es vor allem Obst und Gemüse – Bananen, Äpfel, Kiwis, Clementinen, Pflaumen, Kartoffeln, Lauch, Pilze, Blumenkohl und Salat. Einiges sortiert Fellmer aus: Was schimmelig ist, landet im Kompost, auch die Orangen sind schon ein bisschen matschig. Den Rest packt Fellmer ein, vier Holzkisten und ein paar kleinere Säcke trägt er schließlich zu seinem Fahrrad. Einem Ziehharmonikaspieler, der sich vor dem Supermarkt postiert hat, bietet er ein paar Clementinen an. Der guckt zwar etwas verdutzt, hofft er doch eher auf Kleingeld, bedeutet dann aber, man solle ihm die Clementinen auf die Tasche legen.

          Von den verschiedenen Bio-Supermärkten bekommt Fellmer so viele Lebensmittel, dass er einen Teil davon auf der Internetplattform „www.foodsharing.de“ einstellt. Andere können sich dann bei ihm abholen, was sie gebrauchen können. Auch sonst scheint es der kleinen Familie an nichts zu fehlen: Wenn Raphael Fellmer ein Regal oder eine Waschmaschine braucht, guckt er auf Ebay in der „Zu verschenken“-Kategorie oder er schreibt Nachrichten an Anbieter und bietet als Gegenleistung seine Arbeitskraft an. Streichen, putzen, bei Umzügen helfen – meistens findet sich etwas, das er übernehmen kann. Innerhalb Berlins fährt er mit dem Fahrrad oder läuft zu Fuß, ansonsten trampt er, auch mal nach Mallorca, um dort Urlaub zu machen. Seine Frau Nieves benutzt noch Geld, aber nur wenig: Sie hat ein Konto bei einer Ökobank eröffnet, auf dem das Kindergeld für Alma eingeht. Davon bezahlt sie eine Familienversicherung, die Raphael jedoch nicht in Anspruch nehmen will. Für Alma benutzt sie Stoffwindeln, Kinderkleidung bekamen sie geschenkt oder geliehen, ebenso wie das Bett und die Wickelkommode.

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