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Konstantin Wecker : Der Sänger lässt das Singen nicht

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Nachdenklich war Konstantin Wecker schon immer Bild: dpa

Es habe eine ganze Weile gedauert, bis er sich an den Gedanken gewöhnt hatte, ein „älterer Herr“ zu sein. Doch Liedermacher Konstantin Wecker denkt auch mit 63 Jahren nicht daran, von seiner Leidenschaft zu lassen.

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          Das Kreuz schmerzt höllisch, an einen Auftritt ist heute nicht zu denken, Treppen steigen ist beschwerlich genug. „Altern ist eine Katastrophe“, hat Konstantin Wecker vor vier Jahren in seiner Autobiographie geschrieben. „Das nehme ich zurück“, sagt er jetzt, in seinem kleinen Garten in Schwabing. „Schreiben Sie auf: Ich dementiere.“ Rückenleiden hin oder her: Das Alter habe auch seine Vorzüge, beharrt der Liedermacher nun, vor allem eine „bestimmte Gelassenheit sich selbst gegenüber“.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          63 Jahre alt ist Wecker heute, es hat eine ganze Zeit gedauert, bis er sich eingestehen konnte, ein „älterer Herr“ zu sein: „An meinem 60. Geburtstag war ich völlig fertig. Der Sechser hat mich geschockt.“

          Plötzlich war sie da, die Furcht des Kraftprotzes vor dem Alter, auch wenn ihn kein Arbeitgeber in die Rente schicken kann, keine Pensionskasse sich meldet.

          Nein, der mittelständische Künstlerbetrieb Wecker floriert mehr denn je. Als Schauspieler dreht er für Film und Fernsehen, im Herbst ist er in der Rolle als SS-Mann im Kino zu sehen. Das Manuskript für das nächste Buch ist abgegeben, das nächste Album („Wut und Zärtlichkeit“) wird gerade eingespielt, im Sommer geht’s ausgiebig auf Tournee, dazwischen gibt er gemeinsame Konzerte mit Hannes Wader, noch so einem alten linken Recken. „Wir sind Krisengewinner“, sagt Wecker, die neoliberale Ideologie sei in ihrem Wahn gescheitert: „Empören ist wieder cool.“ Das hilft seinem Kerngeschäft. Der Musiker spielt in größeren Hallen als je zuvor. Und wenn es so weiter läuft, könnte Wecker erreichen, was er noch nie geschafft hat: „Nächstes Jahr bin ich schuldenfrei, zum ersten Mal in meinem Leben.“

          Gut im Ausgeben, schlecht im Sparen

          Gespart hat er nie, eine Aktie nie besessen, schon aus ideologischen Gründen: „Ich hatte nie den Wunsch, Geld mit Geld zu vermehren, das verurteile ich geradezu.“ Gegen gute Gagen hatte der Künstler nie etwas (satte fünfstellige Beträge pro Abend sind in der Liga üblich), besser noch war er im Ausgeben: Schon als junger Stenz posierte er im Nerzmantel vor dem Sportwagen, später hat ihn die eigene Musikkneipe, das Kaffee Giesing, viel Geld gekostet, von den Ausschweifungen während seiner Drogensucht ganz zu schweigen. Seltsame Gestalten suchten damals seine Nähe, „Schnorrer, die meine Unzurechnungsfähigkeit ausgenutzt haben.“

          In den zwei Jahren bis zu seinem Zusammenbruch 1995 habe er „jedes Verhältnis zur Realität verloren“, erzählt er. 15.000 Mark Miete im Monat hat er damals für eine Villa in Grünwald bezahlt – mit dem einzig positiven Effekt, dass auch der Staatsanwalt einsah, dass Wecker zu der Zeit nicht Herr seiner Sinne war, was die Strafe milderte: Der Sänger kam auf Bewährung frei, mit drei Millionen Mark Schulden und den Gläubigern auf den Fersen. Aus dem Gröbsten heraus geholfen hat ihm der Vater seiner jungen Frau, ein linker Druckereibesitzer aus Norddeutschland.

          Lieder bis in alle Zukunft

          Heute wohnt Familie Wecker, Frau Annik und die beiden Söhne (14 und 11), in einem gemieteten Häuschen in München, in Fußnähe zum Englischen Garten, das Wohnzimmer ist vollgestellt mit Klavier und den Requisiten der Gattin, die Back- und Kochbücher schreibt, recht erfolgreich übrigens, wie der Hausherr erzählt.

          Auch wenn ihn finanzielle Verpflichtungen nicht auf die Bühne zwängen, seine Lieder spielen würde Konstantin Wecker in jedem Fall: „Ich liebe meine Konzerte, die Freude aufzutreten, hat auch in 40 Jahren in nichts nachgelassen.“ Zu musizieren sei ihm Geschenk, Genuss, Erfüllung, mehr als alles andere: „Wenn ich am Klavier sitze, zu Höhenflügen ausraste, dann bin ich ganz bei mir – das ist Glück.“ Ausgeschlossen, einfach so abzutreten, für ein Leben als Rentner gar. „Niemals“, sagt Wecker: „Pete Seeger steht mit 91 auf der Bühne, Charles Aznavour gibt mit 86 Konzerte.“

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