https://www.faz.net/-gqe-74o14

Kommunikationsberater : Die Einflüsterer

Die Ausfälle vergangener Jahre, in denen die schreibende Zunft ob ihrer angeblichen Unprofessionalität beschimpft wurde, sind zwar seltener geworden. Doch gibt es immer noch Ereignisse wie den jüngsten Brunswick-Medienempfang, auf dem über einen journalistischen Gast und seinen Arbeitgeber hergezogen wurde. Wer so aggressiv auftritt, darf sich nicht wundern, wenn er den Zugang zum Medium verliert und damit das wertvollste Kapital der Kommunikatoren verspielt.

Aber selbst wenn die Arbeit professionell vonstatten geht, gibt es immer wieder Pech und Pannen. Dass der ehemalige Siemens-Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld einst Ergebniszahlen vorzeitig über diese Zeitung mitteilen ließ, um sich im Poker um seine Vertragsverlängerung bessere Karten zu verschaffen, ist in der Branche legendär. Die Hilfe von CNC hat sich nämlich nicht ausgezahlt. Der Aufsichtsrat um Gerhard Cromme war erbost, und sowohl Kleinfeld als auch CNC durften Siemens danach verlassen.

Herausforderung für die Agenturen

Auch der Versuch, den Kauf der Anteile, die bis dahin der französische EDF-Konzern am Energieversorger ENBW hielt, für den damaligen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg besser aussehen zu lassen, hat im Nachhinein nicht so gut geklappt. Auf Vermittlung von Hering Schuppener bekam diese Zeitung ein Interview mit Stefan Mappus, noch bevor der Finanzminister, das Kabinett oder das Parlament informiert wurden. Für den Journalisten war das schön, das daraus entstandene Gespräch stand nach Ablauf der vereinbarten Sperrfrist im Internet und in der Zeitung. Angesichts des höchst ungewöhnlichen zeitlichen Ablaufs wurde der Termin im Stuttgarter Staatsministerium aber auch schon Thema im ENBW-Untersuchungssausschuss des baden-württembergischen Landtags, was keinen der Beteiligten erfreut hat.

So schöne Geschäfte wie der Versuch von Mappus, der schwäbischen Hausfrau eine Milliardenübernahme schmackhaft zu machen, sind in Zeiten von Finanz- und Staatsschuldenkrisen seltener geworden: nach Zahlen des Marktforschers Mergermarket für das erste Halbjahr dieses Jahres ist der Wert der Übernahme-Transaktionen auf der Welt um 18,3 Prozent auf rund 745 Milliarden Euro gefallen. Bezogen auf den deutschen Markt fällt die Abschwächung etwas geringer aus, ist aber vergleichbar. Für die Agenturen ist das eine Herausforderung. Sie verdingen sich zwar immer noch als Sprecher zweifelhafter Hedgefonds oder solider Finanzinvestoren, beraten normale Unternehmen im Rahmen sogenannter „Retainer“-Verträge jenseits größerer Transaktionen oder Krisen gleichsam laufend, bauen zugleich aber auch neue Geschäftsfelder auf: bis hin zur internen Schulung etwa von Compliance-getreuen Verhaltensweisen in den Kundenunternehmen.

Axt an den Ast legen und Glaubwürdigkeit beschädigen

In dieser Situation der Anpassung und des Übergangs ist es den Partnern von CNC gewinnbringend gelungen, ihr Unternehmen für kolportierte rund 50 Millionen Euro an das PR-Netzwerk MSL Group unter dem Dach der französischen Publicis-Holding zu verkaufen. Mit dieser immensen Wertschöpfung in kurzer Zeit geht künftig große finanzielle Stabilität einher, aber der Erfolgsdruck bleibt groß: Finden sich unter den Strategieberatern doch manche eitle Alphatiere, die dem jeweiligen Wettbewerber nicht die Butter auf dem Brot gönnen - und die schlechten unter ihnen lassen die Journalisten das und ihre angebliche Überlegenheit auch unverhohlen spüren. Längst nicht alle schrecken dabei davor zurück, die Wahrheit so sehr zu verbiegen, dass man auch von ihrem Gegenteil sprechen kann. Damit legen die besonders aggressiven Anbieter im Markt (zu denen auch noch ein paar kleinere Büros gehören) gedankenlos die Axt an den Ast, auf dem alle Kommunikatoren sitzen. Sie beschädigen die Glaubwürdigkeit.

Insofern fragt man sich, ob ausgerechnet diese Agenturen ideal dazu geeignet sind, genau die Geschäftsfelder zu bedienen, die das Wachstum in der Zukunft sichern sollen. So nehmen die Berater inzwischen auch Mitarbeiter, Gewerkschaften oder Politiker in den Fokus ihrer Arbeit, andere unterstützen intern bei Veränderungsprozessen ihrer Kunden. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt - und zum Glück für manche Agentur begleiten diese Themen oft Mitarbeiter, die nicht zuvor in den Faustkampf mit Journalisten geschickt worden sind.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.