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Carolin Kebekus : „Feminismus, das klingt so unrasiert und ungebumst“

  • -Aktualisiert am

Die nächste Ausgabe von Carolin Kebekus‘ Show „PussyTerror TV“ läuft am 05. März um 21.45 Uhr im WDR. Bild: Stefan Finger

Die Komikerin Carolin Kebekus liebt derbe Sprüche und bezahlt Männer dafür, dass sie die Drecksarbeit erledigen: So geht Feminismus!

          Frau Kebekus, jemand hat mal über Sie gesagt: Sie sind auf eine intelligente Art asozial.

          Schön, das finde ich schön. Ja, das klingt total super.

          Was hat das mit Ihnen zu tun?

          Vielleicht bedeutet das: Ich spreche hart, aber mit Sinn und mit Eiern in der Hose.

          Sie haben auf der Bühne wenig Hemmungen, Wörter in den Mund zu nehmen, die anderen schwer über die Lippen gehen: Titten, Schwanz, Bumsen, Knattern . . .

          ... Ja, Knattern ist ein schöner Begriff.

          Reden Ihre Eltern auch so?

          Nein, auf keinen Fall. Ich war schon immer sehr vulgär in meiner Sprache. Das kommt vielleicht daher, dass ich immer der Partymittelpunkt war, der in der Küche steht und Geschichten erzählt. Meistens wird es erst dann lustig, wenn es unter die Gürtellinie geht. Ich finde es selbst unfassbar lustig, wenn ich am Anfang zehn Minuten übers Furzen spreche. Ich weiß, für viele Leute ist das ekelhaft, aber ich finde Fürze todkomisch - vor allem Frauenfürze. Perfektes Thema.

          Wenn es Ihre Eltern nicht waren: Wo kommt es dann her? Aus dem Freundeskreis?

          Ich war immer viel mit Jungs zusammen. Ich hatte einen großen Jungs-Freundeskreis. Wenn man da ernst genommen werden wollte als Mädel, da musste man sich schon laut Gehör verschaffen. Sonst war man das kleine Hascherl. Ich war dann schon eher lauter und habe mitgerülpst, um dazuzugehören. Ich wollte nicht das Mädchen sein, ich wollte mit den Jungs auf einer Stufe stehen.

          Haben Ihre Eltern nicht mal gesagt: Carolin jetzt ist mal gut, Titten sagt man nicht?

          Nö, meine Eltern sind oft dabei, gucken sich viel an. Meine Mutter sagt manchmal schon: „Dat is mir jetz en bisschen üselich“ (Kölsch: Das ist mir ein bisschen unangenehm). Aber mein Vater ist schmerzfrei. Der sitzt grinsend im Publikum.

          Sie stehen für einen neuen Frauentyp: Sie sehen sehr weiblich aus und reden wie ein Mann.

          Ach, ich kenne sehr viele Frauen, die so sind. Die wenigsten Frauen interessieren sich nur für Schuhe und sind immer ganz lieb.

          Manche sagen, Ihr Witz funktioniert nur durch den Kontrast: Weil Sie auf den ersten Blick so aussehen, dass man es Ihnen gar nicht zutraut, dass Sie derb sind.

          Wenn ich nur davon leben würde, dann hätte sich das längst ausgereizt. Die Leute wissen doch, was ich mache. Aber am Anfang war das schon ein Mittel, um die Leute dazu zu bringen, dass sie mir zuhören. Wenn ich früher auf die Bühne gegangen bin in so kleinen gemischten Shows, dann war das immer ganz besonders: Ein Mädchen, oh, jetzt kommt ein Mädchen! Gleichzeitig war die Erwartung immer null. Die haben gedacht: Jetzt kommt die Frau, und die erzählt, dass sie nicht einparken kann. Da habe ich gesehen, dass das Publikum aufgestanden ist und sich ein Bier geholt hat. Ich hatte immer das Gefühl, ich muss besonders laut sein, damit die sitzen bleiben und merken, dass ich auf derselben Stufe bin wie die Jungs. Ich will nicht, dass die sagen: Für eine Frau ist die lustig. Ich will genauso lustig sein wie ein Typ.

          Die lustigste Frau zu sein reicht nicht.

          Nein, ich will der lustigste Mensch sein. Hohe Ziele.

          Ihr Feindbild ist die liebliche, nette, rehäugige Frau.

          Feindbild? Ich weiß nicht. Aber Frauen neigen dazu, sich klein zu machen. Auf Instagram sieht man das besonders, da sind die Augen riesengroß, die Nase ist ganz weg, wie aus dem Gesicht operiert - das finde ich bedenklich. Es müsste anders sein. Frauen sollten selbstbewusster sein. Zu den eigenen Qualitäten stehen und sie durchsetzen. Das ist schwierig als Frau. Man will nicht zu sehr auf Konfrontation gehen, weil einen sonst die Leute nicht mögen - das ist eine sehr weibliche Sache.

          Sie finden, dass Frauen im Beruf mehr verlangen sollten, mehr Geld vor allem. Sind die Frauen selbst schuld daran, dass sie oft schlechter verdienen als Männer?

          Nein, das hat viele Gründe. Es ist nicht damit getan, dass man sich hinsetzt und sagt: „So, ich will jetzt mehr Geld.“

          Aber Sie sagen auch, dass Frauen mehr fordern sollten, dass sie aggressiver auftreten müssen - wie Machos. Oder?

          Ja, auf jeden Fall. Da schließe ich mich aber mit ein. Mir ist das auch total unangenehm, wenn ich sagen muss: Ich will dasselbe Geld für denselben Job bekommen wie mein männlicher Kollege. Denn ich weiß, der hat die Sendung vor mir gemacht und der hat so viel bekommen - und das will ich auch. Ich habe dann Angst, dass die Leute denken: Jetzt ist sie aber schwierig.

          Machen Sie es trotzdem?

          Ich lasse es machen. Von einem Mann. Ich bezahle einen Mann dafür, dass er für mich verhandelt. Jetzt ist es raus.

          Das kann sich nicht jede leisten.

          Klar, ich kann mir meine Gleichberechtigung leisten.

          Was ist es noch, das gleiche Bezahlung verhindert - außer dem Auftreten?

          In meinem Freundeskreis bekommen viele derzeit das erste oder zweite Kind. Bei 80 Prozent bleibt die Frau zu Hause, obwohl sie gerne mehr gearbeitet hätte. Wenn der Mann Elternzeit nimmt, dann fährt man in der Zeit gemeinsam nach Marokko. Ich glaube, dass es so nicht funktioniert. Wie soll der Mann es denn schaffen, selbst zu wissen, wie alles geht, wenn er mit dem Kind nicht auch mal eine Zeit alleine ist?

          Das ist also das Haupthindernis für Frauen im Beruf: dass sie den Kindern mehr Zeit widmen als die Männer?

          Ich glaube schon. Bis zu einem gewissen Punkt wird man nicht schlechter behandelt. Aber ab der Führungsposition geht es los, dass man sagt: Wenn ich eine Frau für den Posten nehme, dann muss ich damit rechnen, dass sie bald ein Kind hat. Da nehme ich doch lieber den Mann. Da weiß ich, der fällt mir nicht aus.

          Also lieber gar keine Kinder bekommen?

          Das ist natürlich das, woran meine Generation krankt. Auf keinen Fall abhängig machen von einem Mann, auf jeden Fall deine eigene Schiene fahren, auf keinen Fall schwanger werden, auf gar keinen Fall. Bis dann irgendwann die Frage kommt: Und, wo sind denn jetzt die Kinder? Dann muss man auch noch die Kinder-Erwartungen erfüllen.

          Jetzt kommen wir zu ein paar schnellen Männer-Frauen-Fragen. O.k.?

          Gut.

          Schlagen Sie zu Hause die Nägel selbst in die Wand?

          Ja.

          Bauen Sie Regale auf?

          Ja, ich liebe Regale aufbauen.

          Können Sie einparken?

          Ich kann sehr gut einparken. Können wir gleich draußen gucken. Manchmal mache ich Fotos davon, wie gut ich einparke. Ich habe sogar schon einmal für einen Mann eingeparkt: „Bitte mach du, ich schaff das nicht.“

          Jetzt die Frauenfragen. Können Sie kochen?

          Ja, kann ich, mache ich.

          Auf dumm stellen, schon mal gemacht?

          Ich würde lügen, wenn ich jetzt nein sagen würde.

          Shoppen gehen?

          Das ist für mich eine schreckliche Qual.

          Aber häkeln mögen Sie.

          Ja, das macht richtig Spaß.

           Würden Sie sich selbst als Feministin bezeichnen?

          Ja. Aber Feminismus hat so einen schlechten Ruf. Das klingt so unrasiert und ungebumst. Dabei bedeutet es doch nur, dass eine Frau machen kann, was sie will. Ich frage mich: Wie kann man kein Feminist sein? Aber es macht viele Leute aggressiv. Wir haben mal eine Sendung gemacht in „Die Anstalt“ zum Thema Feminismus. Da gab es einen Shitstorm. Die Beschimpfungen, die ich bekomme, nutzen immer dasselbe Argument: Das stimmt alles nicht, es gibt keinen Sexismus - und ich sollte mal lieber ordentlich Geschlechtsverkehr haben. Da denke ich mir dann: Ja, das mit dem Sexismus ist nicht so schlimm, richtig.

          Antworten Sie darauf?

          Ich habe mal überlegt zu antworten. Aber wenn ich auf jeden Hasskommentar antworten wollte, dann bräuchte ich ein Parallelleben.

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          Wie erklären Sie sich die Aufregung bei dem Thema?

          Das ist mir ein Rätsel. Nach der Sendung saß ich mit dem Gastgeber Claus von Wagner zusammen, und wir waren fassungslos.

          Vielleicht haben manche Männer das Gefühl, dass sie ins Hintertreffen geraten?

          Nee, das glaube ich nicht, das stimmt doch auch nicht.

          Haben Sie Alice Schwarzer schon mal getroffen?

          Ja, das ist aber schon sehr lange her und war im Karneval. Also: na ja.

          Finden Sie gut, was Alice Schwarzer macht?

          Alice Schwarzer hat natürlich sehr viel getan für die Frauenrechte in der Vergangenheit. Aber ich finde, es ist Zeit für einen Feminismus, der ein bisschen offener ist. Es geht heute darum, dass jede Frau machen kann, was sie möchte in ihrem Leben, und dass man nicht immer sagt: Das ist aber nicht gut, man darf nicht so viel Haut zeigen. Es müsste einen neuen sexy Feminismus geben.

          Neben den Frauen beschäftigen Sie sich gern mit der Unterschicht, spielen etwa eine Rapperin, die im Knast sitzt. Wo kommt das her?

          Ich bin in Köln-Ostheim aufgewachsen.

          Ist das ein Getto?

          Es gibt da schon diese Wohnsilos, da wohnen sehr viele Nationen auf einem Fleck. Aber Ostheim ist geteilt. Es gibt den Teil mit dem sozialen Wohnungsbau und sehr schicke Einfamilienhäuser, in denen ich groß geworden bin.

          Und dazwischen die Schule?

          Ja, ungefähr. Auf dem Weg zur Schule bündelte es sich. Da gab es durchaus Konflikte. Meine Schule hatte drei Stockwerke und war so aufgebaut: Unten Hauptschule, darüber Realschule, ganz oben Gymnasium. Da wussten die anderen immer, wenn wir ganz nach oben gingen: Aha, das sind die Gymmie-Geier. Und die Hauptschüler, das waren die Coolen. Am Anfang dachte man sich immer: Oh, wieso bin ich nicht auf der Hauptschule?

          Hatten Sie Freunde auf der anderen Seite von Ostheim?

          Ja klar, ich hatte Polen, Russen, Italiener, Türken in der Klasse. Ich fand das als Kind so cool, dass die noch eine andere Sprache sprechen konnten. Ich habe mit einer Freundin eine eigene Sprache erfunden, weil wir auch unbedingt Ausländer sein wollten. Meine Oma kam aus Schlesien und hat Polnisch gesprochen, dann habe ich oft so getan, als käme ich auch aus Polen.

          Aber Sie können gar kein Polnisch?

          Simpelste Worte. Milch, Birne, Täubchen, Schmusen. Sonst: leider nein.

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