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Kinderbetreuung : Vierzig Stunden in der Kita

Trotz aller Bedenken ist die Nachfrage nach 24-Stunden-Plätzen ungebrochen. „Das Konzept ist gerade der Renner auf dem Markt“, sagt die Geschäftsführerin. Zehn bis zwanzig Rund-um-die-Uhr-Kitas gebe es mittlerweile in Deutschland, schätzt sie. Tendenz steigend. Auch Preuß selbst will demnächst eine zweite Einrichtung in der Nähe aufmachen. Andere suchen derweil noch Rat. Die Verantwortlichen aus Kassel, Stralsund und Berlin beispielsweise seien schon im Haus gewesen. In jüngster Zeit riefen so viele Interessenten an, dass sie sich entschlossen habe, nur noch gegen Honorar zu beraten. Das erste Info-Gespräch gebe es noch umsonst. Danach aber gelte: Wer von ihren zweieinhalb Jahren Planung und den bisherigen Erfahrungen profitieren möchte, muss zahlen. „Alles hängt von der Organisation ab“, warnt sie Interessenten. „Eine 24-Stunden-Kita zu eröffnen, kann sonst voll nach hinten losgehen.“

Wer sich davon überzeugen will, sollte auf Google die Worte „Kita USA Video“ eingeben. In einem Beitrag des NDR ist zu sehen, wie ein Kind morgens um 4 Uhr aus dem Schlaf gerissen und in eine 24-Stunden-Kita in Ohio gebracht wird. Im abgedunkelten „Schlafsaal“ wartet ein Feldbett und ein Fernseher auf den sieben Jahre alten Jungen. Das TV-Gerät läuft in Zimmerlautstärke, an Schlaf ist nicht mehr zu denken.

„Wir sind kein Familienersatz“

In der Nidulus ist man von solchen Zuständen freilich meilenweit entfernt. Nach dem Abendessen dürfen die Kinder noch ein bisschen spielen, vor dem Zubettgehen wird prinzipiell gebadet. Yannic und sein Freund Lenni sausen deshalb gerade nackt Richtung Waschraum, die Morgenmäntel über dem Arm. Nach der Wasserschlacht werden die Zähne geputzt, dann geht es zügig ins Bett. Lange Einschlafrituale gibt es nicht. Die Erzieherin legt eine CD mit einer Gute-Nacht-Geschichte ein, dann geht das Licht aus. Die Kinder sind müde und schlafen schnell ein.

Für die Erzieher ist hingegen nicht Schluss. Sie sollen über Nacht aufräumen, vorbereiten, Anwesenheitszeiten protokollieren. Kindergartenleiterin Brinkmann sagt, dass ein Nidulus-Kind durchschnittlich etwa 30 Stunden im Monat mehr in der Kita verbringe als Gleichaltrige in anderen Einrichtungen. Im Wesentlichen seien es „nur andere Zeitfenster“. Eine andere Erzieherin sieht das kritischer: „Wir sind nur familienergänzend, kein Familienersatz. Das vergessen die Eltern und ihre Arbeitgeber manchmal.“

Ansonsten ist an dem Abend viel Unterschiedliches zu hören. „Die Schichtarbeit geht natürlich auch uns Erziehern auf die Knochen“, heißt es dann. Es ist von Überlastung die Rede und von zu wenig Geld. Aber auch, dass es „ein toller Job ist, es kommt so viel von den Kindern zurück“.

Oma und Opa müssen auch arbeiten

So ein Moment kommt für Erzieherin Marion Lais am nächsten Morgen wieder. Yannic fragt sie zuerst, ob es draußen geschneit hat. Dann bekennt er: „Ich hab’ von dir geträumt.“ Lais bedankt sich und hilft ihm, den schwarz gestreiften Pulli anzuziehen. Dann geht es ins Badezimmer.

Gegen 8 Uhr wird Yannic von seiner Mutter Katrin Ruge abgeholt. Die 40-Jährige arbeitet seit 17 Jahren bei McDonald’s. Im Drei-Schicht-System brät sie Burger, zapft Getränke, fritiert Pommes. Wenn sie nicht außergewöhnlich viele Nachtschichten gemacht hat, verdient sie weniger als 1000 Euro im Monat. Ihr Mann arbeitet als Gabelstaplerfahrer in der Nähe von Hamburg, kommt immer spät nach Hause und erhält kaum mehr. „Manchmal frage ich mich, wofür wir das alles machen. Es bleibt am Monatsende ja nichts übrig“, sagt Ruge. Dann fegt sie den Gedanken zur Seite. „Egal, Hauptsache wir haben beide Arbeit.“ Wenn es die Nidulus nicht gäbe, sagt sie, wären wohl die Großeltern dran. Aber die müssten beide noch arbeiten. „Und außerdem ist Yannic manchmal ganz schön zickig, da haben Oma und Opa auch mal keine Lust mehr.“

Anfangs sei es schlimm für sie gewesen, dass ihr Sohn teils so lange in der Kita bleiben muss. „Inzwischen geht‘s, Yannic hat sich daran gewöhnt.“ Dann zieht sie ihm Jacke und Schuhe an und geht mit ihm hinaus. Yannic darf nun auf den Weihnachtsmarkt. Nach 40 Stunden in der Kita.

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