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Kinderbetreuung : Vierzig Stunden in der Kita

Während des kleinen Disputs rollt ein Auto vor die Eingangstür. Weil es draußen schon stockfinster ist, sind nur die Scheinwerfer zu erkennen. Die Jungen und Mädchen rätseln fieberhaft, wessen Papa oder Mama hereinkommt. Diesmal hat Kilian Glück. Er muss zwar noch aufessen - so sind die Tischregeln -, dann aber rennt er seinem Vater in die Arme. Der arbeitet bis 18 Uhr in einer Sparkasse rund 100 Kilometer entfernt. „Neuerdings hat die auch samstags geöffnet“, zürnt er. Weil seine Frau zu unregelmäßigen Zeiten arbeite, sei auch seine Familie auf die Nidulus angewiesen. Andernfalls müssten sie eine Tagesmutter finden, die sich ihren Arbeitszeiten anpasse. Dem Vater schwant: „Da müssten wir tief in die Tasche greifen.“

Manchmal springen die Nachbarn ein

Yannic und die anderen acht Kinder spielen derweil im Gruppenraum. Einige setzen Duplo-Steine aufeinander. Yannic spielt mit einem Piratenschiff, das auf unsichtbare Ziele feuert. Gesprächig ist er zu dieser Stunde nicht mehr. „Ich bin schon lange hier, Mama muss arbeiten“, sagt er. Und: „Ich freue mich, wenn mich Mama morgen abholt.“ Dann kentert das Piratenschiff unter großem Getöse.

Als Letzter wird an diesem Abend der fünfjährige Benedikt Heins abgeholt. Seine Mutter kommt aus Berlin, dort hat die 49 Jahre alte Volkswirtin ein Gesundheitsseminar gegeben. Heins ist selbständig und alleinerziehend. Die 24-Stunden-Kita bezeichnet sie als ihre „einzige Chance, überhaupt noch zu arbeiten“. Als freiberuflicher Coach in Ostdeutschland müsse sie ihr Geld in einem weiten Radius verdienen. „Da würde mir selbst eine Kita, die bis 20 Uhr geöffnet hat, nichts nutzen.“ Ihre Verwandten wohnten in Bonn, könnten bei Engpässen also nicht helfen. Manchmal frage sie die Nachbarn, aber das gehe ja auch nicht immer. „Eigentlich wollte ich Benedikt nicht in eine Kita geben, bis er drei ist“, bekennt Heins. Als sie erfuhr, dass in Schwerin eine 24-Stunden-Kita aufmacht, zögerte sie dennoch keine Sekunde und schrieb sofort eine Bewerbung. Benedikt musste mit 2 Jahren ins Nestchen.

Nach 40 Stunden: Yannic wird von seiner Mutter abgeholt.

Aus Sicht der Mutter hat das Vor- und Nachteile. Ihr Sohn sei in der Kita viel selbständiger geworden. Im Vergleich mit anderen Kindern habe er eine starke Persönlichkeit entwickelt. Andererseits sieht die Mutter, dass bei ihrem Sohn „kein Tag dem anderen gleicht“. Was die Arbeit angeht, bezeichnet Heins die Kita als „die Lösung all meiner Probleme“. Die Einrichtung ermögliche es ihr, bis zu vier Tage am Stück Seminare zu geben. Persönlich aber setze ihr die Situation zu: „Manchmal liege ich weinend im Hotelzimmer und denke an meinen Sohn.“

„Am Ende nutzt diese Kita nur den Unternehmen“

Auch die Geschäftsführerin der Kita gGmbH, Anke Preuß, ist sich der Schattenseiten ihrer Einrichtung bewusst. Vor drei Jahren baute sie in Kooperation mit den Helios-Kliniken die Nidulus auf dem weitläufigen Krankenhausgelände. „Ich stehe zu dieser Kita“, sagt sie. Es gebe klare Regeln und ein fundiertes pädagogisches Konzept. Zugleich sieht sie die Kehrseite der Medaille. „Wir erziehen Kinder zum Schichtdienst“, sagt Preuß selbstkritisch. Und: „Am Ende nutzen diese Kitas nur den Unternehmen.“

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