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Kinderbetreuung : Vierzig Stunden in der Kita

So wie Beatrice Rohde, die Mutter von Yannics Freund Finnlay. Für die Kita zahlt sie 183 Euro im Monat, das ist weniger als ein Sechstel der tatsächlichen Kosten. Den Rest trägt der Steuerzahler. Für die Alleinerziehende ist es dennoch ein hoher Betrag. „Das Geld ist bei mir jetzt schon knapp“, sagt sie. Eine Alternative sieht sie jedoch nicht. „Die meisten Krankenschwestern bekommen nur einen Job, wenn sie bereit sind, Schicht zu arbeiten. Eine normale Kita geht da nicht.“ Gäbe es die Nidulus nicht, müsste sie nach eigener Einschätzung ihren Arbeitsplatz aufgeben. So kann sie zwar auf ihrer alten Stelle weiterarbeiten, doch der Alltag der 26 Jahre alten Mutter ist hart. Finnlays Vater nimmt das Kind nur am Wochenende. Deshalb muss Rohde ihren Sohn um 5.30 Uhr fertig angezogen in der Kita abgeben, wenn sie Frühschicht hat. Wenn sie nachts arbeiten muss, schläft Finnlay in der Kita.

Auch in der Kita: Zähneputzen muss sein.

Zu den alltäglichen Herausforderungen kommen ungebetene Kommentare. „Viele Patienten fragen mich, wie ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann, mein Kind so lange in der Kita zu lassen.“ Die junge Mutter lässt sich davon aber nicht herunterziehen. Sie hat ein fröhliches Naturell und Temperament. Dazu blonde Haare, blaue Augen und glitzernde Fingernägel. Trotz schwieriger Umstände sieht sie ihre Lage positiv: „Ich bin mit so einem Betreuungsplatz doch verwöhnt.“ Sie wisse Finnlay in guten Händen und könne sorgenfrei arbeiten. „Alles ist toll hier“, sagt sie.

150.000 Kita-Plätze fehlen

Ihr Sohn sehe das unterschiedlich. Wenn sein Freund Yannic auch da ist, frage er, warum sie ihn denn schon abhole. Manchmal aber habe er die Kita auch gründlich satt. Entscheidend ist das ohnehin nicht. Die sonst so fröhliche Mutter sorgt sich vielmehr über die Zeit nach der Kita. „Spannend wird es, wenn Finnlay in die Grundschule geht“, sagt sie. Also in ein paar Monaten. Dann bekomme sie ein echtes Betreuungsproblem. Eine Lösung dafür hat sie bislang nicht.

Immerhin ist das Thema in der hohen Politik schon angekommen. In seiner Antrittsrede als FDP-Chef sagte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in Rostock: „Es gibt fast keine Öffnungszeiten in Kindertagesstätten, die mit Lebenswirklichkeiten alleinerziehender Eltern zu tun haben.“ Geholfen hat die Erkenntnis bislang kaum. Dem Städte- und Gemeindebund zufolge fehlen derzeit noch 150.000 Kitaplätze, um den gesetzlichen Rechtsanspruch ab August einzulösen. Von längeren Öffnungszeiten oder gar 24-Stunden-Kitas will da niemand etwas wissen. Das Bundesfamilienministerium erklärt, die Öffnungszeiten müssten „bedarfsgerecht“ ausfallen. Näheres regele jedes Bundesland in seinen jeweiligen Kitagesetzen. Und um die konkrete Ausgestaltung des Rechtsanspruchs müsse sich jede Kommunen selbst kümmern.

„Da müssten wir tief in die Tasche greifen“

Auf dem Außengelände der Kita ist derweil Ruhe eingekehrt. Von den 45 Kindern, die heute draußen gespielt haben, sind nur noch zehn übrig. Sie sitzen um einen kleinen Tisch und essen zu Abend. Es gibt Knäcke- und Graubrot, Schnittkäse und Camembert. Dazu drei Sorten Wurst und einen Gemüseteller. Das Licht ist gedimmt, auf dem Tisch brennen zwei Kerzen. „Heute werde ich abgeholt“, behauptet Lenni. Die Erzieherin widerspricht: „Nein, erst morgen.“ Doch Lenni bleibt bei seiner Meinung. „Heute!“, schreit er. „Heute! Heute!“

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