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Karstadt-Eigner : Die Entzauberung des Nicolas B.

Finanzinvestor Nicolas Berggruen genoss den Ruf des Sanierers mit Herz Bild: ddp

Als großer Heilsbringer war Nicolas Berggruen bei Karstadt gefeiert worden. Inzwischen ist klar: Auch er ist nur ein ganz normaler Investor. Und Karstadt ist auch nicht viel weiter als vor seinem Einstieg.

          5 Min.

          Was ist nur mit Karstadt los? Am vergangenen Montag verkündet das Kaufhaus, 2.000 Stellen zu streichen. Am Donnerstag startet eine Rabattaktion, wie man sie sonst nur von Ramschläden kennt: Alles Reduzierte raus zum halben Preis, „Happy Hour“ und Geschenk-Gutscheine obendrein.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Den Kunden mag die Geiz-Attacke freuen, für das Unternehmen verheißt es wenig Gutes, zumal sich die bösen Nachrichten häufen: Von Umsatzeinbußen wird in der Branche berichtet, von schwindenden Gewinnen und Investitionsstau. Manager verlassen den Konzern, Lieferanten murren, im Aufsichtsrat knallt es. Und wer sich in letzter Zeit in eines der unrenovierten Häuser verirrte, weiß: Pulsierende Einkaufstempel sehen anders aus.

          Überraschend ist das nicht: Erst zwei Jahre ist es her, da war Karstadt am Ende - insolvent. Keiner traute sich recht zu, den heruntergewirtschafteten Traditionskonzern auf Vordermann zu bringen. Weil niemand eine Idee hatte. Und alle sagten, das Geschäftsmodell „Kaufhaus“ sei tot.

          Ein wahrer Menschenfreund?

          Dann tauchte ein Retter auf, der das Zauberstück versprach. Nicolas Berggruen, ein Deutschamerikaner, zuvor hierzulande unbekannt, behauptete wacker: „Karstadt ist keine große Herausforderung.“ Es sei das Gleiche, was er mit mindestens 20 anderen Firmen schon gemacht habe. „Es wird auch diesmal funktionieren.“

          Doch die Rettung lässt auf sich warten. Und der Erlöser, der das Heil verkündete, ist entzaubert. Vom Insolvenzverwalter hatte Berggruen im Herbst 2010 den Zuschlag erhalten, weil er - anders als die beiden mitbietenden Private- Equity-Investoren - drei Dinge garantierte: Es würden keine Häuser geschlossen, keine Leute entlassen, und der Konzern werde nicht zerschlagen. Das begeisterte alle, vor allem die Gewerkschafter. Verdi stimmte einem Sanierungsplan zu, der den Karstadt-Mitarbeitern Gehaltseinbußen von 50 Millionen Euro im Jahr abverlangte.

          Allein mit dem Auftritt von Berggruen schien das Unternehmen gerettet. Fortan genoss er den Ruf als Sanierer mit Herz, als Heilsbringer und wahrer Menschenfreund, der für nachhaltige Werte kämpft.

          Die Euphorie war gewaltig

          An diesem Image hat er eifrig mitgestrickt in Interviews und öffentlichen Auftritten. Berggruen gab den charmanten Lebemann, der sich erschöpft, aber „zutiefst glücklich“ vor die Karstadt-Mitarbeiter stellte, mit offenem Hemd und Drei-Tage-Bart die Rettung Karstadts verkündete. Wer sollte auch etwas gegen den Philanthropen sagen, der Berlin seine Kunstsammlung zur Verfügung stellt? Was ist einzuwenden gegen einen Unternehmer mit politischer Mission samt eigenem Thinktank, der erst Kalifornien rettet, dann Europa und später die ganze Welt?

          Die Euphorie im Hause Karstadt jedenfalls war gewaltig, die Herzen flogen Berggruen zu. So bescheiden trat er auf, der Milliardär, der stets betonte, dass persönlicher Besitz ihm gar nichts gebe, Geld auch nicht. Und wer daran zweifelte, der erfuhr, dass er vor einigen Jahren, in der Midlife-Crisis, alles abgestoßen hat: seine Villa, Appartement, Autos, seinen gesamten Besitzstand. Heute lebt der Fünfzigjährige in Hotels, ohne festen Wohnsitz, und alles, was ihm gehört, passt in einen Beutel - alles außer dem Privatjet, der ihn und seine Gefolgsleute von Luxushotel zu Luxushotel befördert. Doch auch dieser sei, so kokettiert er gerne, ein notwendiges Transportmittel, nicht mehr.

          Ein zu perfektes Bild

          Das Bild, das der Investor, Sohn des vor den Nazis geflohenen jüdischen Kunstsammlers Heinz Berggruen, von sich entwarf, war fast zu perfekt: Der soziale Investor, der sich dem Guten verschrieben hat, in erneuerbare Energien investiert, in Bildungsprojekte, Reisfelder und Windräder. Das hört man gerne in Deutschland. Auch dass er, jung, links und fast „anarchistisch“, auf einer Schweizer Eliteschule rebellierte und Wirtschaft nur studierte, um das System „von innen heraus zu bekämpfen“, verschaffte ihm vielerorts Sympathiepunkte.

          Als Privatinvestor häuft er dann ein Vermögen an, das auf zwei bis drei Milliarden Dollar geschätzt wird. Wie das geht? Er kauft und verkauft rund um den Globus: Er erwirbt FGX, einen Brillen-Hersteller in Amerika, für acht Millionen Dollar und veräußert das Unternehmen 2007 für 400 Millionen. Er kauft die spanische Mediengruppe Prisa (El País), übernimmt Teile der insolventen Möbelgruppe Schieder, investiert in Burger King und Gebäudekomplexe, bekundet Interesse an Schlecker und Kaufhof.

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