https://www.faz.net/-gqe-7mwjb

Karriere und Kinder : Warum die Deutschen so lange arbeiten

Abends in Frankfurt: Noch schnell die Präsentation für morgen fertig machen, noch schnell die Telefonkonferenz mit Amerika Bild: Dieter Rüchel

Mehr als eine Milliarde unbezahlte Überstunden machen die Deutschen jedes Jahr. Die SPD schimpft über den „Anwesenheitswahn“. Doch die Deutschen ändern sich nicht so schnell.

          4 Min.

          Den Deutschen eilt bekanntlich der Ruf voraus, penibel und zahlenverliebt zu sein. Der kürzlich veröffentlichte Arbeitszeitreport des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bildet da keine Ausnahme. Exakt 44,2 Stunden in der Woche arbeiten vollzeitbeschäftigte Männer im Durchschnitt, ist darin zu lesen, Frauen 42,1 Stunden. Das ist etwas, aber nicht viel mehr als vertraglich vereinbart – bei Männern sind es durchschnittlich 39,6 Stunden, bei Frauen 38,4. So weit die Statistik.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Kommen wir zum Gefühl. Kaum ein Feierabend-Bier unter Berufstätigen beginnt ohne das gegenseitige Begutachten von Augenringen und das Rezitieren des wöchentlichen Büro-Marathons. Montag bis Mitternacht an einer Präsentation gesessen, Dienstag mit der ersten Maschine zum Kunden geflogen, Mittwoch spät wieder zurück, Donnerstag den ganzen Tag Meetings, abends dann Mails abarbeiten. Irgendwas läuft da schief, sagt sich mancher und denkt an seine Kindheit zurück, als der Vater um sechs nach Hause kam und Punkt sieben gemeinsam zu Abend gegessen wurde.

          Zwar liegt Deutschland in internationalen Arbeitszeit-Vergleichen stets unterhalb des Durchschnitts, dennoch hat sich im Land eine Stimmung breitgemacht, dass die Arbeit zu viel und die Familie zu wenig Raum im Leben einnimmt. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) konstatiert einen „Anwesenheitswahn“ in den Unternehmen, Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) sinniert laut über die 32-Stunden-Vollzeit-Woche für Eltern, und die IG Metall setzt noch einen drauf: 30 Stunden in der Woche sind nach Meinung der Gewerkschaft genug, sonst ließen sich Beruf und Familie kaum vereinbaren.

          Tatsächliche, vereinbarte und gewünschte Wochenarbeitszeit von Beschäftigten

          Arbeitsmarktforscher wie Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) kommen aus dem Staunen nicht heraus. „Ein Wohlstandsphänomen“ nennt er solche Vorschläge, ebenso wie den verklärenden Blick in die Vergangenheit. „Es ist nicht so, dass die Leute heute massiv Überstunden machen“, sagt er und verweist auf die Industrie und den öffentlichen Dienst, wo die Arbeitszeiten meist geregelt sind und etwaige Überstunden entweder vergütet oder in Freizeit abgegolten werden. Das Phänomen „entgrenzter Arbeitszeiten“, wie Eichhorn es nennt, sei vor allem eines der „kreativen Klasse“. Dazu zählt er gleichwohl nicht nur die Mitarbeiter von Werbeagenturen, Verlagen und Fernsehsendern, sondern auch Forscher, Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Banker, kurzum: weite Teile des Dienstleistungssektors.

          Angefangen habe diese Entwicklung in der Zeit des Neuen Marktes, Ende der Neunziger-, Anfang der Nullerjahre. Da wurde den Unternehmen so richtig bewusst, wie sehr sie im internationalen Wettbewerb stehen und wie wichtig es ist, in Deutschland auch dann erreichbar zu sein, wenn in anderen Zeitzonen Geschäfte gemacht werden. Die wachsende Verbreitung von Laptops und Mobiltelefonen trug ihren Teil dazu bei, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwammen. Doch Eichhorst hat nicht das Gefühl, dass die Arbeitnehmer die Verlierer dieser Entwicklung sind. „Eine E-Mail nach Feierabend ist noch kein Verbrechen“, sagt er. „Viele machen sich nicht bewusst, dass ihre Eltern nur eine mittlere Ausbildung hatten. Das ist kein Vergleich zu den Berufen, die junge Leute heute ausüben.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Nadia gehört zur Gattung des Malaysia-Tigers

          In New Yorker Zoo : Tiger am Coronavirus erkrankt

          Die vierjährige Tigerdame Nadia im Zoo der Bronx hat sich vermutlich bei einem Pfleger mit dem Coronavirus angesteckt. Auch weitere Tiere könnten erkrankt sein.

          Streit in der Corona-Krise : „Das ist ein absoluter Witz“

          Englands Fußball-Profis sollen in der Corona-Krise helfen und teils auf ihre üppigen Gehälter verzichten. Doch sie wehren sich – und haben Gründe für ihr Verhalten. Stattdessen arbeiten die Spieler an einem anderen Vorschlag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.