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Kamps im Müller-Konzern : Fischbrötchen mit Milchreis

Selfmademann: Heiner Kamps Bild: ddp

Nordsee-Chef Heiner Kamps übernimmt die Führung der Molkereigruppe Theobald Müller. Es ist die Besiegelung einer etwas merkwürdigen rheinisch-bayerischen Firmenholding-Verbindung.

          3 Min.

          Heiner Kamps war nie richtig weg. Jetzt ist er wieder voll da: Der Düsseldorfer Unternehmer, der einst den nach ihm benannten Back-Filialisten aufgebaut und an die Börse geführt hat, übernimmt zusätzlich zu seinen Aufgaben als Chef des Unternehmens HK Food (mit Marken wie Nordsee und Homann) auch die Leitung der Unternehmensgruppe Theo Müller (Müller Milch, Weihenstephan). Organisatorisch soll sich durch die Personalie für die beiden Unternehmen nichts ändern: Sie behielten ihre Eigenständigkeit; Pläne für eine Verschmelzung gebe es nicht, hieß es. Und doch lässt die Meldung aufhorchen. Sie ist die bisher prominenteste Besetzung in dem schon mehrfach gescheiterten Versuch, einen Nachfolger für den 71 Jahre alten Großmolkereibesitzer Theobald Müller zu finden.

          Carsten Knop
          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Denn Kamps, der mit sechs Geschwistern als Sohn eines Bäckers auf einem Bauernhof in der Nähe von Bocholt aufgewachsen ist, hat schon vor Jahren in ganz Deutschland Bekanntheit erlangt. Das gelang nicht etwa, weil der gelernte Bäcker als Sportler zeitweise in der Wasserball-Bundesliga gespielt hat oder weil er 1981 seine erste Bäckereifiliale in Düsseldorf eröffnete. Schlüssel zur Prominenz von Kamps war seine Strategie der Expansion, der Gedanke, aus der Aufgabe und den folgenden Übernahmen von kleineren Familienbetrieben Kapital zu schlagen. Das funktionierte schnell und gut, im April 1998 folgte der Börsengang. Danach kaufte das Unternehmen in großem Stil weitere Bäckereien und Bäckereiketten.

          Merkwürdige rheinisch-bayerische Firmenholding-Verbindung

          2002 wurde die Kamps AG, die inzwischen mit rund 1000 Filialen einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro machte, vom italienischen Konzern Barilla übernommen, der daran keine Freude haben sollte. Schätzungen gehen aber davon aus, dass Heiner Kamps aus dem Verkauf 60 Millionen Euro erhielt. Das Geld hat Kamps investiert: in die Schnellrestaurantkette Nordsee, in Homann Feinkost, die Lizenz der Marke Livio und anderes mehr, gebündelt in der Holding HK Food.

          Hat schon viele Manager verschlissen: Theobald Müller
          Hat schon viele Manager verschlissen: Theobald Müller : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Hinter diesen neuen unternehmerischen Aktivitäten von Kamps steht seit einiger Zeit aber vor allem Theobald Müller („Alles Müller oder was?“). Er ist der Finanzier einer inzwischen etwas merkwürdigen rheinisch-bayerischen Firmenholding-Verbindung aus Fischrestaurants und Milchproduktionsstätten. Müller, der in den neunziger Jahren so werbewirksam für den „Joghurt mit der Ecke“ getrommelt hat, hält derzeit 80 Prozent der Anteile an den von Kamps geführten Nahrungsmittelfirmen um HK Food mit ihren 1,1 Milliarden Euro Umsatz.

          Der selbstherrliche cholerische Patriarch dirigiert aus der Schweiz

          In der Unternehmensgruppe Theo Müller GmbH & Co. KG mit Sitz in Aretsried bei Augsburg ist Müller hingegen Alleingesellschafter. Vieles ist Müller, könnte man in Anlehnung an die alte Werbebotschaft sagen, aber eben doch nicht alles. Müller muss in seinem fortgeschrittenen Alter allmählich an die Nachfolge denken. Viele Manager hat er in all den Jahren in Aretsried verschlissen. Nun ist Kamps der Mann seiner Wahl. Den kennt der gelernte Molkereimeister seit sechs Jahren. Damals war Müller bei der Übernahme der Restaurantkette Nordsee behilflich. Seit dieser Zeit schätze er den Unternehmergeist von Kamps, sagt ein Weggefährte. Müller ist wie Kamps ein Selfmademan.

          Aus dem väterlichen Dorfbetrieb mit vier Mitarbeitern im bayrisch-schwäbischen Alpenvorland machte der Realschüler im Alleingang einen großen Molkereikonzern. Mit 4700 Mitarbeitern und 2,2 Milliarden Euro Umsatz ist Müller die Nummer zwei in Europa hinter Danone. Reibungslos ging Müllers Expansion nicht vonstatten. Er legte sich mit Bauern an und mit Greenpeace-Aktivisten. Auch hatte er das eine oder andere Mal Ärger mit der Justiz. Und bis heute konnte der Patriarch nie loslassen, auch wenn er sich vor Jahren offiziell aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat.

          Selbst seinen beiden Söhnen Stefan und Theo junior traute er lange nicht die Nachfolge zu. Immerhin dürfen sich die beiden jetzt unter Kamps' Führung für höhere Aufgaben empfehlen: Der 43 Jahre alte Stefan und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Theo junior sind Mitglieder der Geschäftsführung. Beide stehen unter Beobachtung des, wie Kritiker sagen, ebenso selbstherrlichen wie cholerischen Vaters. Müller senior dirigiert seinen Milliardenkonzern aus der Schweiz. Denn aus Furcht vor der deutschen Erbschaftsteuer ist Müller im Herbst 2003 mit seiner Lebensgefährtin an den Zürichsee gezogen.

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