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Kaffee : Das schwarze Gold der Gastronomie

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Hochwertigen Kaffee außer Haus zu trinken gewinnt in Deutschland an Beliebtheit. Vor allem der Coffee to go setzt sich durch. Bild: dpa

„To go“, „mit doppeltem Espresso“ oder „mit Sojamilch“: Das Geschäft mit der Kaffeebohne steht für eine bewegte Branche.

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          An einem regnerischen Freitagmorgen im März geht es auf den Straßen Berlin-Kreuzbergs noch recht gemächlich zu. Im Café 9 herrscht allerdings schon rege Betriebsamkeit. Eine junge Doktorandin der Kunstwissenschaften, „Stammkundin“, wie sie selbst sagt, beginnt den Tag mit einem Cappuccino: „Der Schaum hier ist optimal. Das ist mir ziemlich wichtig – neben der Qualität des Kaffees natürlich!“ Sie sitzt hier, weil sie kein Büro hat, in dem sie arbeiten kann. Um den Tag trotzdem produktiv und unter Menschen zu beginnen, verlegt sie ihren morgendlichen Kaffee außer Haus. Die Arbeit nimmt sie auch mal mit. „Das ist trotzdem einfach ein bisschen mußevoller.“

          Seit einigen Jahren eröffnet in deutschen Metropolen ein Café neben dem anderen. Damit geben Städte wie Berlin und Hamburg einen Trend vor, der sich nicht auf Großstädte und ihre Bewohner beschränkt. Denn Grund für die florierende Café-Gastronomie ist nicht, wie gerne gemutmaßt wird, das junge, hippe Designervolk, sondern gesellschaftlicher Wandel: Das gemeinsame Frühstück oder der Kaffeekranz am Nachmittag verlieren zunehmend an Bedeutung.

          Hinter dem trendigen Cafè-Latte-Schlürfen verbirgt sich mehr

          Immer mehr Menschen trinken ihren Kaffee „to go“ – auf dem Weg zur Arbeit, nach dem Fitnessstudio, jede freie Minute wird genutzt. So beurteilt es zumindest die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK): „Wir sehen seit einigen Jahren ein Wachstum bei Kaffee außer Haus“, sagt Jan-Philipp Bartz, von der Konsumentenforschung der GfK. „Da außerdem der gefühlte Zeitstress zunimmt, konsumieren immer mehr Menschen insbesondere morgens ihren Kaffee unterwegs.“

          In Berlin wird dieser Trend im Stadtbild sichtbar. Noch vor sechs Jahren verzeichnete das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 48 Gewerbeanmeldungen der Wirtschaftsklasse 56.10.4, also „Cafés“. 2015 waren es bereits 112. Der Trend in der Café-Gastronomie scheint sich in Berlin vorerst bei etwas mehr als 100 Neugründungen jährlich eingependelt zu haben.

          Der Betreiber des Café 9 in Kreuzberg, Philipp Reichel, kommt gerade von einer Vorbesprechung des Berlin Coffee Festivals, wie er noch außer Atem erzählt. Er hat einen Praktikanten im Schlepptau. Auf die Frage, was der denn hier so lernt, antwortet er: „Projektmanagement, aktuell die Organisation des Festivals, Gastronomiebetrieb, Röstereibetrieb, Personalleitung.“ Zwei Minuten mit Reichel, 1986 geboren, genügen, um festzustellen: Mit dem Betreten des Cafés betritt man nur den sichtbaren Teil einer Branche, hinter der sich mehr verbirgt, als es das trendige Cafè-Latte-Schlürfen vermuten lässt.

          Akteure der Berliner Kaffeebranche vernetzen

          „Es ist nicht nachhaltig, von einem kleinen Bauern Kaffee zu importieren, nur um sagen zu können: Das ist Kaffee von Miguel aus Guatemala.“ Philipp Reichel hält den logistischen Aufwand solche Einkäufe alleine zu tätigen, für zu groß und zu kostenintensiv, um dieses Vorgehen nachhaltiges Wirtschaften zu nennen. Die Vision des Cafébetreibers sähe so aus: „Ich würde gerne aus Berlin die erste Stadt machen, die gemeinsam Rohkaffee einkauft.“

          Um die Akteure der Berliner Kaffeebranche zu vernetzen und den Austausch innerhalb der Branche zu fördern, kuratierte er bereits im Jahr 2015 das Berlin Coffee Festival. Das Festival, das dieses Jahr im September stattfinden wird, soll Betreiber, Röster, Händler und Kaffeetrinker zusammenbringen. Dort wird sich auch dieses Jahr wieder alles um Röstaromen, Wassertemperatur und das richtige Zubehör drehen. Aber auch um politische Themen soll es gehen: Reichel und seine Mitstreiter hoffen, dass der Beruf der Barista, der ausgebildeten Kaffee-Zubereiter, von der Industrie und Handelskammer als solcher anerkannt wird.

          Das Café 9 plant, in Zukunft eine hauseigene Rösterei zu betreiben; bis dahin kauft es seine Bohnen allerdings von unterschiedlichen Röstereien in Deutschland. Eine davon ist die-Andraschko Rösterei, die fernab vom belebten Kreuzberg, zwischen der Autopresse Tempelhof und der ehemaligen Sarotti-Fabrik, im südlichen Industriegebiet Berlins liegt.

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