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Kabarettist Schafroth : Über Reiche lässt sich gut spotten

  • -Aktualisiert am

„Die Leute lechzen danach, dass man diese hirnverbrannte Meeting-Kultur in den Konzernen hochnimmt“, sagt Maxi Schafroth, 30, aufgewachsen im Allgäu und jetzt auf Deutschlands Bühnen unterwegs. Bild: Andreas Müller

Banken haben auch was Gutes: Sie liefern Stoff fürs Kabarett, sagt Comedy-Star und Banker Maxi Schafroth. Ein Gespräch über spinnerte Chefs, ökologisch-korrekte Karrierepärchen und das Butterbrot als letzten Schrei.

          7 Min.

          Herr Schafroth, was treibt einen gelernten Banker auf die Bühne?

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eigentlich wollte ich immer schon die Leute unterhalten, früh schon auf Geburtstagen, erst klappte es 10 Minuten, dann 15. Da habe ich geahnt: Das mit der Bühne könnte ein Beruf sein.

          Warum dann erst die Banklehre?

          Wer wie ich in konservativem Umfeld, auf einem Bauernhof im Allgäu, aufwächst, hat nicht viele Möglichkeiten: Pfadfinder oder CSU in der Freizeit, Bauer oder Banker als Beruf. Erst mal macht man halt was Gscheit‘s.

          Eine Banklehre ist was Gescheites?

          Damals hat man das noch gedacht, lustig oder? In Wirklichkeit habe ich die Banklehre aus Eigennutz gemacht. Kabarettist existiert nicht als formeller Berufsweg der IHK, die Bankausbildung kommt dem am nächsten. Mein Rohstoff, jetzt mal unternehmerisch gesprochen, sind witzige Menschen; die muss ich für meine Bühnenprogramme beobachten: Wo ginge das besser als in einer Bank?

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          Die Menschheit kennt witzigere Orte. Worin besteht die Komik eines Bankangestellten?

          Sobald Menschen in isolierten Gruppen sind, verhalten sie sich kurios, angefangen mit ihrer Sprache, eingeübt in zahllosen Sitzungen: Die Deal-Pipeline ist prall gefüllt, sagen die Experten fürs Financial Engineering. Da machen wir jetzt das nächste Big Ticket. Corporate leveraged finance und so. Schon sehr amüsant. In meinem Publikum sitzen viele Menschen, die das tagtäglich durchleiden. Die lechzen förmlich danach, dass man diese hirnverbrannte Meeting-Kultur hochnimmt.

          Wie fremd war für Sie, den Bauernjungen, die Welt der Finanzen?

          Mich hat das immer fasziniert, schon von meinem Opa her. Der hatte diverse Finanzzeitschriften abonniert, die hat er mir gegeben, hat mir alles erklärt. Ich fand in den 90er Jahren auch diese Börsentypen mit den Hosenträgern beeindruckend, die heute die Bösewichte sind. Schon als Kind habe ich gerne Büro gespielt. Mit sieben oder acht Jahren habe ich mir eine Schreibmaschine gekauft, mein Kinderzimmer sah aus wie das Chefbüro in einem mittelständischen Betrieb, aufgereihte Leitz-Ordner, sauber beschriftet: Rechnungen, Lieferscheine, Mahnungen. Das habe ich mir alles von meinem Opa abgeschaut.

          War der Banker oder Bauer?

          Molkereidirektor, ein wahrer Grandseigneur. Wenn der mit der silbernen E-Klasse von Mercedes bei uns auf dem Hof vorgefahren ist, ging die Sonne auf, dann ist die große Welt nach Stephansried gekommen.

          Das ist Ihr Heimatort im Allgäu.

          Ja, ein 78 Seelen-Dorf, der Geburtsort von Sebastian Kneipp. Laut Wikipedia bin ich direkt hinter Kneipp der zweitberühmteste Sohn von Stephansried, ich bin also nicht irgendwer. Nur um das mal gesagt zu haben. Die Geschichten aus dem Allgäu, selbst erlebt, waren mein Einstieg ins Kabarett - offenbar eine Marktlücke.

          Heute sind Sie TV-gestählter Comedian, spielen in Film und Fernsehen. Wo ist am meisten zu verdienen?

          Wenn man mich als Unternehmensverbund sieht, dann im Kabarett - auch weil ich da weitgehend alles selbst mache: Ich schreibe, komponiere, spiele, musiziere, und manchmal veranstalte ich auch.

          Das heißt: 100 Prozent Umsatz gleich 100 Prozent Gewinn.

          Das nicht, aber die Gewinnspanne ist wesentlich höher als im Film, dort sind ja auch viel mehr Leute beteiligt; Regisseur, Kameraleute und so weiter.

          Und was machen Sie am liebsten?

          Das verläuft in Kurven, zwischendurch habe ich viel Film gemacht, zweimal mit Marcus Rosenmüller fürs Kino, einen „Tatort“, dann ausgiebig Kabarett, im Moment zieht es mich wieder mehr Richtung Film. Dazu habe ich vor anderthalb Jahren meine eigene Filmfirma gegründet: die „Schafroth Media GmbH“ - ich weiß, ich hätte einen einfallsreicheren Namen finden können. Die Innovationsabteilung arbeitet daran.

          Was verkauft diese Firma?

          Gegründet habe ich sie, um Kurzfilme für Sky zu produzieren. Filme habe ich früher schon gemacht, mit 22 Jahren habe ich eine selbst geschriebene Historiensatire gedreht, damals habe ich meine Kollegen in der Bank als Statisten verpflichtet. Die halbe Firmenkundenabteilung hat mitgespielt.

          „Mit dem Geländewagen zum Öko-Winzer: Ach, wie ich das liebe!“

          Was war das für eine lustige Bank?

          Die Commerzbank in München. Die letzten zweieinhalb Jahre, die ich dort gearbeitet habe, habe ich parallel schon die Schauspielschule besucht.

          Was genau waren Ihre Aufgaben in der Bank?

          Erst war ich im Privatkundenbereich, habe die ganze Schiene kennengelernt mit Verkaufszielen und so weiter. Das setzt den Leuten dort zu. Im Firmenkundenbereich später war es entspannter. Da hat der einzelne mehr Freiraum. Ich war nie das Excel-Genie, aber mit den Kunden, Mittelständler quer durch, das hat mir Spaß gemacht. Da habe ich mich reingehängt, oft bis spätnachts.

          Sie wollten Karriere machen als Banker?

          Ja, natürlich. Ich habe gesehen, wie die anderen aufsteigen und wollte das auch. So ein Konzern schafft ja bewusst diese Anreize: Wenn ich was leiste, dann bin ich was wert, dann gibt’s irgendwann den Leasingpassat in Cappuccino-Metallic. Im Rückblick hätte ich früher die Bremse ziehen sollen. Aber der Mitarbeiter des Monats ist nun mal der, der am ausgemergeltsten aussieht. Und „schaffe, schaffe“, das kannte ich von zu Hause vom Bauernhof. Das ging, bis ich einen Tinnitus bekommen habe. Da habe ich gemerkt: Das war zu viel.

          Der Tinnitus ist das Statussymbol des Karriere-Bankers, wie der silberne Rollkoffer.

          Der vierrollige Rimova-Koffer ist auch das Statussymbol der Kabarettisten. Da sind wir wie Banker.

          Jetzt, nach der Bühnenkarriere, sind Sie für die Banken verloren?

          Ich glaube ja. Wobei ich es extrem lächerlich finde, wenn ehemalige Banker Bücher schreiben, um über Banken herzuziehen; „Gier 2.0“ und so Zeug. Das ist derselbe Opportunismus, den sie angeblich angreifen - wo das Geld lockt, da schwimme ich hin. Ich bin im Guten von der Bank gegangen, und ihr bis heute dankbar. Ich brauche den Rohstoff aus dem Alltag, setze mich bis heute gerne in Gruppen, von denen man sagt, sie seien hermetisch und unreflektiert. Deswegen habe ich mich als VWL-Student eingeschrieben.

          Was soll das bringen?

          Erst mal hat ein Kabarettist vormittags nichts zu tun, also Zeit. Und dann wollte ich immer schon mal lineare Nutzenfunktionen zeichnen. Das fehlt mir in meiner Vita. Nach der Schule bin ich damals direkt in die Bank, dann kam die Schauspielschule, das Universitäre habe ich nie so richtig mitgekriegt. Das hole ich jetzt nach.

          Sammeln Sie im Hörsaal auch Stoff für die Bühne?

          Immer. Wenn mich was interessiert, dann fließt es über kurz oder lang ins Programm: die Professoren, die einen mustergültigen Homo oeconomicus abgeben, wenn sie ihren Profit maximieren, indem sie nach der Vorlesung ihre Bücher anpreisen. Das hat was. Wie jede abgeschlossene Gruppe ist auch die Hochschule ein Hort der Komik.

          Warum?

          Im Kollektiv bestätigen Leute sich gegenseitig in ihrem Irrsinn, übernehmen den gemeinsamen Slang, und es fehlt das Korrektiv, das sagt: „Langt’s Euch an den Kopf, was redet Ihr da eigentlich?“ Neulich war ich auf einer Unternehmer-Veranstaltung, da haben die Technokraten mit den Begriffen nur so um sich geschmissen: Big Data, Digitalisierung, in einem fort. Dies zu demaskieren, das macht mir Spaß. Diese Typen, die sich hinter Floskeln verstecken, die Prozessketten neu implementieren, den Spirit optimieren - und sich so wenig auf die eigene Gefühlswelt, die eigene Intuition verlassen. Mir gefallen die Leute, die ihr eigenes Ding durchziehen, das imponiert mir viel mehr als der Manager, der durch Anpassung in einem Konzern aufsteigt. Am Schluss kommen dann immer diese „Corporate-Identity-Mutanten“ raus. Die wiederum finde ich witzig, beruflich gesehen. Apropos: Wissen Sie, wo es am witzigsten überhaupt ist?

          Nein, erzählen Sie.

          Bei McDonald’s. Da habe ich mal einen Ferienjob gemacht, drei Wochen, dabei habe ich gelernt: Wer am meisten Dreck am Stecken hat, braucht am meisten Corporate Identity. Bei McDonald’s haben sie immer davon geredet, sie wären eine Familie. Wenn ich so was schon höre! An dem Punkt muss ich allen Lesern der Frankfurter Allgemeinen raten: Nehmen Sie sich unbedingt in Acht vor Leuten, die eine Gewinnerzielungsabsicht verfolgen und das Wort „Familie“ im Mund führen. Da heißt es: Ganz, ganz vorsichtig sein!

          Was war so unerträglich bei den Hamburger-Bratern?

          Die Schulungsvideos. Die Zusammenarbeit bei McDonald’s ist wie das Zusammenspiel in einem Orchester, hat da eine Stimme geflötet: Alles muss passen. Und Sie an der Pommes-Station sind die erste Geige. Da dachte ich: Für wie blöd halten die mich?

          Sie behaupten: Je höher in der Hierarchie, desto größer ist das Komikpotential von Managern. Stimmt das in jedem Fall?

          Unter Bankern habe ich es so erlebt. Je höher jemand in der Hierarchie steigt, desto tiefgründiger wird der unfreiwillige Witz. Ein gewisser Realitätsverlust hilft dafür natürlich, ab einer gewissen Stufe haben Manager wenige Leute um sich, die auch mal sagen: Das war Mist. So entwickeln sich eigenartige Wesen, die sich derart merkwürdig verhalten, dass meine Eltern daheim auf dem Hof sagen würden: Die spinnen.

          Sie kokettieren mit Ihrer Herkunft, als der Underdog, der sich in der Stadt durchschlagen muss: Hat München Sie so garstig empfangen?

          Nein, gar nicht, ich war nur nicht einzuordnen für die Leute dort. In München herrscht dieses ausgeprägte Klassensystem: Bildungsbürger, Besitzbürger, Habenichts. Die Mama von einem Freund von mir, Psychoanalytikerin in Bogenhausen, hat damals gesagt: Maximilian, wie ist das eigentlich? Bis du nun Arbeiterkind oder Besitzbürger? Ihr habt doch Grundbesitz im Allgäu, nicht wahr? Ja mei, habe ich geantwortet, ich komm‘ vom Bauernhof, wir haben Grund, und mein Papa arbeitet trotzdem. Dieses Leben der Münchner Oberschicht kannte ich von zu Hause nicht, auch nicht deren straffen Zeitplan: Um neun Uhr voltigieren, hinterher zum Osteopathen, dann zum Psychologen - feines Futter fürs Kabarett. Wenn sich ein bestimmtes Level an Wohlstand einstellt, ist das extrem amüsant zu beobachten.

          Dafür bietet sich München an.

          Absolut. Wenn es Menschen zu gut geht, fangen sie an, sich komisch zu verhalten, besonders mittels der Codes, mit denen sie sich vom Rest abgrenzen.

          Welche Codes?

          Das fängt an mit dem Outfit. Vor zehn Jahren hatte der Münchner Innenstadtadel zum Beispiel immer diese karamelfarbenen Hornbrillen, mittlerweile ist das inflationär, als Abgrenzungsmerkmal nicht mehr zu gebrauchen. Dafür tragen sie heute Kleidung aus guten, hochwertigen Materialien - darf aber keine Marke erkennbar sein, wegen Understatement! Immer gern gesehen ist das Goldknopf-Sakko und das rot-weiß gestreifte Einstecktuch. Wobei ich zugeben muss: Ich bin mit vielen aus dieser Innenstadt-Boheme gut befreundet.

          Trotzdem verspotten Sie diese Szene; die ökologisch-korrekten Pärchen, die Supermamis mit ihrer Veggie-Brut...

          Ja, genau. Die Leute, die mit dem Geländewagen zum Bio-Winzer fahren – diese Klientel ist in München omnipräsent. Ach, wie liebe ich das! Natürlich ist da Häme dabei, aber diese Schicht, die verträgt das. Das stecken die weg. Genau deswegen kommen sie auch zu mir, auf der Bühne spüre ich genau, wenn die im Publikum checken: Verflucht, jetzt bin ich gemeint, der zweite Impuls ist dann: Ach Quatsch, nicht ich, mein Kollege ist so. Und dann darf man lachen über diese Abende bei nachhaltigem Molekularsüppchen und dem ganzen Stussgerede, wann die letzte Leasingrate für den X5 abbezahlt ist. Comedy ist wie das richtige Leben, man bildet Trends ab.

          Welcher Trend ist gerade akut?

          Das Comeback von Natur und echtem Leben. Die Daunen-Steppjacken im Porsche Cayenne schwadronieren davon, wie sie zurückkehren zum einfachen Leben, mit dem Manufaktum-Spaten für 500 Euro, Flugrost inklusive. Unternehmensberater gehen jetzt öfter „einfach mal ein Butterbrot“ essen. Das höre ich gerade häufig, den Trend weg von dem ganzen Chichi: einfach mal ein Butterbrot essen. Diese krasse Trendhörigkeit in München ist schon lustig. Dagegen ist das Allgäu trendresistent. Während die Münchner wieder beim Butterbrot ankommen, waren wir nie weg: Im Allgäu sind wir immer noch beim Butterbrot.

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