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Kabarettist Schafroth : Über Reiche lässt sich gut spotten

  • -Aktualisiert am

Was war so unerträglich bei den Hamburger-Bratern?

Die Schulungsvideos. Die Zusammenarbeit bei McDonald’s ist wie das Zusammenspiel in einem Orchester, hat da eine Stimme geflötet: Alles muss passen. Und Sie an der Pommes-Station sind die erste Geige. Da dachte ich: Für wie blöd halten die mich?

Sie behaupten: Je höher in der Hierarchie, desto größer ist das Komikpotential von Managern. Stimmt das in jedem Fall?

Unter Bankern habe ich es so erlebt. Je höher jemand in der Hierarchie steigt, desto tiefgründiger wird der unfreiwillige Witz. Ein gewisser Realitätsverlust hilft dafür natürlich, ab einer gewissen Stufe haben Manager wenige Leute um sich, die auch mal sagen: Das war Mist. So entwickeln sich eigenartige Wesen, die sich derart merkwürdig verhalten, dass meine Eltern daheim auf dem Hof sagen würden: Die spinnen.

Sie kokettieren mit Ihrer Herkunft, als der Underdog, der sich in der Stadt durchschlagen muss: Hat München Sie so garstig empfangen?

Nein, gar nicht, ich war nur nicht einzuordnen für die Leute dort. In München herrscht dieses ausgeprägte Klassensystem: Bildungsbürger, Besitzbürger, Habenichts. Die Mama von einem Freund von mir, Psychoanalytikerin in Bogenhausen, hat damals gesagt: Maximilian, wie ist das eigentlich? Bis du nun Arbeiterkind oder Besitzbürger? Ihr habt doch Grundbesitz im Allgäu, nicht wahr? Ja mei, habe ich geantwortet, ich komm‘ vom Bauernhof, wir haben Grund, und mein Papa arbeitet trotzdem. Dieses Leben der Münchner Oberschicht kannte ich von zu Hause nicht, auch nicht deren straffen Zeitplan: Um neun Uhr voltigieren, hinterher zum Osteopathen, dann zum Psychologen - feines Futter fürs Kabarett. Wenn sich ein bestimmtes Level an Wohlstand einstellt, ist das extrem amüsant zu beobachten.

Dafür bietet sich München an.

Absolut. Wenn es Menschen zu gut geht, fangen sie an, sich komisch zu verhalten, besonders mittels der Codes, mit denen sie sich vom Rest abgrenzen.

Welche Codes?

Das fängt an mit dem Outfit. Vor zehn Jahren hatte der Münchner Innenstadtadel zum Beispiel immer diese karamelfarbenen Hornbrillen, mittlerweile ist das inflationär, als Abgrenzungsmerkmal nicht mehr zu gebrauchen. Dafür tragen sie heute Kleidung aus guten, hochwertigen Materialien - darf aber keine Marke erkennbar sein, wegen Understatement! Immer gern gesehen ist das Goldknopf-Sakko und das rot-weiß gestreifte Einstecktuch. Wobei ich zugeben muss: Ich bin mit vielen aus dieser Innenstadt-Boheme gut befreundet.

Trotzdem verspotten Sie diese Szene; die ökologisch-korrekten Pärchen, die Supermamis mit ihrer Veggie-Brut...

Ja, genau. Die Leute, die mit dem Geländewagen zum Bio-Winzer fahren – diese Klientel ist in München omnipräsent. Ach, wie liebe ich das! Natürlich ist da Häme dabei, aber diese Schicht, die verträgt das. Das stecken die weg. Genau deswegen kommen sie auch zu mir, auf der Bühne spüre ich genau, wenn die im Publikum checken: Verflucht, jetzt bin ich gemeint, der zweite Impuls ist dann: Ach Quatsch, nicht ich, mein Kollege ist so. Und dann darf man lachen über diese Abende bei nachhaltigem Molekularsüppchen und dem ganzen Stussgerede, wann die letzte Leasingrate für den X5 abbezahlt ist. Comedy ist wie das richtige Leben, man bildet Trends ab.

Welcher Trend ist gerade akut?

Das Comeback von Natur und echtem Leben. Die Daunen-Steppjacken im Porsche Cayenne schwadronieren davon, wie sie zurückkehren zum einfachen Leben, mit dem Manufaktum-Spaten für 500 Euro, Flugrost inklusive. Unternehmensberater gehen jetzt öfter „einfach mal ein Butterbrot“ essen. Das höre ich gerade häufig, den Trend weg von dem ganzen Chichi: einfach mal ein Butterbrot essen. Diese krasse Trendhörigkeit in München ist schon lustig. Dagegen ist das Allgäu trendresistent. Während die Münchner wieder beim Butterbrot ankommen, waren wir nie weg: Im Allgäu sind wir immer noch beim Butterbrot.

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