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Kabarettist Schafroth : Über Reiche lässt sich gut spotten

  • -Aktualisiert am
„Mit dem Geländewagen zum Öko-Winzer: Ach, wie ich das liebe!“

Was war das für eine lustige Bank?

Die Commerzbank in München. Die letzten zweieinhalb Jahre, die ich dort gearbeitet habe, habe ich parallel schon die Schauspielschule besucht.

Was genau waren Ihre Aufgaben in der Bank?

Erst war ich im Privatkundenbereich, habe die ganze Schiene kennengelernt mit Verkaufszielen und so weiter. Das setzt den Leuten dort zu. Im Firmenkundenbereich später war es entspannter. Da hat der einzelne mehr Freiraum. Ich war nie das Excel-Genie, aber mit den Kunden, Mittelständler quer durch, das hat mir Spaß gemacht. Da habe ich mich reingehängt, oft bis spätnachts.

Sie wollten Karriere machen als Banker?

Ja, natürlich. Ich habe gesehen, wie die anderen aufsteigen und wollte das auch. So ein Konzern schafft ja bewusst diese Anreize: Wenn ich was leiste, dann bin ich was wert, dann gibt’s irgendwann den Leasingpassat in Cappuccino-Metallic. Im Rückblick hätte ich früher die Bremse ziehen sollen. Aber der Mitarbeiter des Monats ist nun mal der, der am ausgemergeltsten aussieht. Und „schaffe, schaffe“, das kannte ich von zu Hause vom Bauernhof. Das ging, bis ich einen Tinnitus bekommen habe. Da habe ich gemerkt: Das war zu viel.

Der Tinnitus ist das Statussymbol des Karriere-Bankers, wie der silberne Rollkoffer.

Der vierrollige Rimova-Koffer ist auch das Statussymbol der Kabarettisten. Da sind wir wie Banker.

Jetzt, nach der Bühnenkarriere, sind Sie für die Banken verloren?

Ich glaube ja. Wobei ich es extrem lächerlich finde, wenn ehemalige Banker Bücher schreiben, um über Banken herzuziehen; „Gier 2.0“ und so Zeug. Das ist derselbe Opportunismus, den sie angeblich angreifen - wo das Geld lockt, da schwimme ich hin. Ich bin im Guten von der Bank gegangen, und ihr bis heute dankbar. Ich brauche den Rohstoff aus dem Alltag, setze mich bis heute gerne in Gruppen, von denen man sagt, sie seien hermetisch und unreflektiert. Deswegen habe ich mich als VWL-Student eingeschrieben.

Was soll das bringen?

Erst mal hat ein Kabarettist vormittags nichts zu tun, also Zeit. Und dann wollte ich immer schon mal lineare Nutzenfunktionen zeichnen. Das fehlt mir in meiner Vita. Nach der Schule bin ich damals direkt in die Bank, dann kam die Schauspielschule, das Universitäre habe ich nie so richtig mitgekriegt. Das hole ich jetzt nach.

Sammeln Sie im Hörsaal auch Stoff für die Bühne?

Immer. Wenn mich was interessiert, dann fließt es über kurz oder lang ins Programm: die Professoren, die einen mustergültigen Homo oeconomicus abgeben, wenn sie ihren Profit maximieren, indem sie nach der Vorlesung ihre Bücher anpreisen. Das hat was. Wie jede abgeschlossene Gruppe ist auch die Hochschule ein Hort der Komik.

Warum?

Im Kollektiv bestätigen Leute sich gegenseitig in ihrem Irrsinn, übernehmen den gemeinsamen Slang, und es fehlt das Korrektiv, das sagt: „Langt’s Euch an den Kopf, was redet Ihr da eigentlich?“ Neulich war ich auf einer Unternehmer-Veranstaltung, da haben die Technokraten mit den Begriffen nur so um sich geschmissen: Big Data, Digitalisierung, in einem fort. Dies zu demaskieren, das macht mir Spaß. Diese Typen, die sich hinter Floskeln verstecken, die Prozessketten neu implementieren, den Spirit optimieren - und sich so wenig auf die eigene Gefühlswelt, die eigene Intuition verlassen. Mir gefallen die Leute, die ihr eigenes Ding durchziehen, das imponiert mir viel mehr als der Manager, der durch Anpassung in einem Konzern aufsteigt. Am Schluss kommen dann immer diese „Corporate-Identity-Mutanten“ raus. Die wiederum finde ich witzig, beruflich gesehen. Apropos: Wissen Sie, wo es am witzigsten überhaupt ist?

Nein, erzählen Sie.

Bei McDonald’s. Da habe ich mal einen Ferienjob gemacht, drei Wochen, dabei habe ich gelernt: Wer am meisten Dreck am Stecken hat, braucht am meisten Corporate Identity. Bei McDonald’s haben sie immer davon geredet, sie wären eine Familie. Wenn ich so was schon höre! An dem Punkt muss ich allen Lesern der Frankfurter Allgemeinen raten: Nehmen Sie sich unbedingt in Acht vor Leuten, die eine Gewinnerzielungsabsicht verfolgen und das Wort „Familie“ im Mund führen. Da heißt es: Ganz, ganz vorsichtig sein!

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