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Jugendarbeitslosigkeit : Europas junge Nomaden

Nachwirkungen der Finanzkrise: Vor allem für Millionen junger Menschen gingen quasi über Nacht die Zukunftsperspektiven verloren. Bild: dpa

In Portugal, Italien, Spanien oder Frankreich drücken viele junge Menschen nur deshalb länger die Schulbank, weil der Arbeitsmarkt ihnen nichts bietet. Hilfsprogramme sollen das ändern - dabei sind die Gründe ganz andere.

          Mitte September jährt sich der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers zum sechsten Mal. Dieser Kollaps wirkte als Brandbeschleuniger der Finanzkrise, die nicht nur Volkswirtschaften und Bankensystem an den Rand des Abgrundes brachte, sondern auch die Arbeitsmärkte in einen Abwärtsstrudel hinabzog. Vor allem für Millionen junger Menschen gingen quasi über Nacht die Zukunftsperspektiven verloren.

          In der Europäischen Union stieg die Zahl der Arbeitslosen unter 25 Jahren in nur einem Jahr um eine Million auf weit mehr als fünf Millionen. In Spanien und Griechenland kletterten die Quoten in dieser Altersgruppe auf mehr als 50 Prozent. Auch wenn zu Recht darauf verwiesen wird, dass damit nicht „jeder zweite“ Jugendliche arbeitslos ist, weil Schüler und Studenten nicht berücksichtigt werden, ändert das an der Dramatik wenig.

          Orientierungslos in der Arbeitswelt

          Denn in Portugal, Italien, Spanien, Griechenland oder Frankreich drücken viele junge Menschen eben nur deshalb länger die Schulbank, weil der Arbeitsmarkt ihnen nichts bietet.  Von Südeuropa über weite Teile Mittel- und Osteuropas bis nach Irland und Schweden stolpert eine ganze Generation orientierungslos in die Arbeitswelt hinein. Glaubt man Wissenschaftlern, sind gerade diese ersten Erfahrungen prägend für die Berufsbiographie. Wer seine „Karriere“ mit Arbeitslosigkeit und Existenzängsten beginnt, wird diese Verunsicherung nur schwer wieder los.

          Wut und Enttäuschung über jahrzehntelanges Versagen der Regierungen entluden sich zunächst auch in Protestmärschen aufgebrachter junger Menschen in den Metropolen von Madrid bis Athen. Diese Demonstrationen sind seltener geworden, doch die Probleme sind noch lange nicht gelöst. Viele haben sich mit der Situation arrangiert. Sie leben wieder unter dem Dach der Eltern und führen ein Leben auf Sparflamme. Andere haben dem offiziellen Arbeitsmarkt frustriert den Rücken gekehrt und halten sich mit Schwarzarbeit über Wasser.

          Glück im Ausland

          Gerade junge Südeuropäer schnüren auch zunehmend ihr Bündel und suchen ihr Glück im Ausland. Ausgerechnet Deutschland, das sich lange gegen den Status als Einwanderungsland gewehrt hat, ist dank der Strahlkraft seiner Industrie zum neuen Fixstern für Europas junge Arbeitsnomaden aufgestiegen. Vielerorts können die Goethe-Institute gar nicht so schnell neue Lehrer einstellen, wie die Nachfrage nach Sprachkursen steigt. Der Bund hat gerade die Eingliederungshilfen für junge Zuwanderer aufgestockt, nachdem der Topf für das groß angekündigte Programm wegen hoher Nachfrage rasch geleert und die Regierung blamiert war.

          Zwar wird in den Herkunftsländern Süd- und auch Osteuropas die Abwanderung junger Eliten auch kritisch beäugt. Mittelfristig dürften jedoch gerade die EU-Staaten von ihren Auswanderern profitieren. Denn sobald sich die wirtschaftliche Situation in der Heimat verbessert und neue Arbeitsplätze entstehen, werden viele Krisengetriebene über eine Rückkehr nachdenken – reich an Erfahrungen und wertvoll für die eigene Wirtschaft.

          Die Jugend meistert die Krise also auf ihre eigene Weise. Das ist gut so, denn von der Politik sollte sie nicht viel erwarten. Zwar haben Europas Staats- und Regierungschefs öffentlichkeitswirksam 6 Milliarden Euro für Hilfsprogramme bewilligt, deren Kernstück eine Garantie ist, jedem jungen Menschen eine Stelle, eine Ausbildung oder ein Praktikum zu bieten. Doch das ist leichter versprochen als vor Ort organisiert. So bleiben dem vor der Ablösung stehenden EU-Arbeitskommissar László Andor nur Appelle.

          Wichtiger als die weiße Salbe aus Brüssel sind Therapien der nationalen Regierungen. Doch vielerorts wird bestenfalls an Symptomen herumgedoktert, statt Ursachen anzugehen. Spanien hat immerhin einige Reformen im Arbeitsrecht durchgesetzt und bemüht sich, ein praxisnahes Ausbildungssystem nach deutschem Vorbild aufzubauen. Das ist ein langwieriger Prozess, der den Arbeitslosen von heute wenig hilft.

          Dennoch ist es kein Zufall, dass sich zwischen Galicien und Andalusien erste Lichtblicke am Arbeitsmarkt zeigen, während in Italien weiterhin das Kartell der Arbeitsplatzbesitzer regiert und die Jugend ihrer Chancen auf fairen Zugang zum Arbeitsmarkt beraubt. Mit Matteo Renzi verhebt sich allem Anschein nach gerade der nächste Regierungschef und Hoffnungsträger an der Herkulesaufgabe, den Arbeitsmarkt aufzubrechen.

          Deutschlands Erfolgsgeschichte in Sachen Jugendarbeitslosigkeit beginnt nicht mit dem Ausbildungssystem. Sie gründet in schmerzhaften Reformen nach der Jahrtausendwende, deren Renditen in den Folgejahren eingefahren wurden. Auch wenn das Regulierungspendel zuletzt zurückgeschwungen ist, besitzt das Land heute viele wettbewerbsfähige Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen und deshalb ein hohes Interesse an qualifizierten Arbeitskräften haben. Es gilt die alte Erkenntnis: Eine kluge Wirtschaftspolitik ist die beste Arbeitsmarktpolitik. Davon profitieren vor allem junge Menschen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

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