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Josef Ackermann : Unwürdiger Abgang

Die Geschichte von Josef Ackermann und den Deutschen ist reich an Missverständnissen Bild: dapd

Unter Josef Ackermanns Führung nahm der Ruf der Deutschen Bank schweren Schaden. Er verärgerte die Kanzlerin und verpatzt nun sogar seinen eigenen Abschied.

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          Am Anfang stand das „V“. Es war ein Moment der Unachtsamkeit. Die im Bruchteil einer Sekunde zum Victory-Zeichen gespreizten Finger des Josef Ackermann im Mannesmann-Prozess, sie sollten zum Fanal seiner Außenwirkung werden. Sie schadeten auch dem Ansehen der Deutschen Bank, die er seit Mai 2002 führt. Denn es war nicht nur das Victory-Symbol, das Ackermann seither so anhaftet wie seinem Vorvorgänger Hilmar Kopper der „Peanuts“-Spruch. Es war vor allem die Respektlosigkeit, mit der Ackermann der deutschen Justiz begegnete und die in einem vielsagenden Satz gipfelte: „Das ist das einzige Land, wo diejenigen, die Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen.“

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Echo, es war verheerend: Quer durch alle politischen und gesellschaftlichen Lager war nun von der Arroganz, vom Zynismus hochdotierter Manager die Rede. Und Ackermann war das Gesicht dazu. So gut unter seiner Führung die Zahlen der Deutschen Bank auch waren, ihr Ansehen war schlechter.

          Sieben Jahre nach Mannesmann und eine Bankenkrise später ist es abermals ein Gerichtsprozess, der Ackermanns mühsam wiederhergestellter Fassade neue Risse zufügt. Zwar saß der Schweizer im Mai dieses Jahres nicht auf der Anklagebank wie 2004, als er wegen der Millionenabfindung an Klaus Esser der schweren Untreue beschuldigt wurde. Als Zeuge im Zivilprozess gegen die Kirch-Gruppe vermied er jede falsche Geste. Aber, und das wiegt schwer, Ackermann soll vor dem Münchner Oberlandesgericht gelogen haben: Alle Fragen der Richter drehten sich in dieser Zeugenvernehmung um Leo Kirch, die Milliardenpleite im Frühjahr 2002 und die Rolle, die die Deutsche Bank in diesem Krimi spielte. Die Fehde mit dem inzwischen verstorbenen Filmrechtehändler geht auf ein Interview von Ackermann-Vorgänger Rolf Breuer in jenem Jahr zurück. Breuer äußerte sich damals abfällig über die Kreditwürdigkeit von Kirchs unübersichtlichem Firmengeflecht.

          Ermittler in den Frankfurter Zwillingstürmen

          Wollten Breuer und die Deutsche Bank den Medienunternehmer „vorsätzlich sittenwidrig schädigen“? Das Gericht muss klären, ob Breuer den Film- und Fernsehkonzern gezielt in die Bredouille gebracht hat, um anschließend ein lukratives Beratungsmandat für dessen Zerschlagung zu erhalten. Dazu liegt ein Protokoll einer Vorstandssitzung vor. Ackermann und die drei anderen Führungskräfte, darunter auch sein Aufsichtsratschef Clemens Börsig, konnten kaum erklären, warum es in dem fraglichen Vorstandsprotokoll heißt, die Bank sei bereits um eine Vermittlerrolle gebeten worden und wolle diese Gespräche fortführen. Niemand will sich an diese Gespräche erinnern.

          Ackermann und die Kanzlerin: Anfangs ein belastbares Verhältnis

          Doch die Erinnerungslücken der Zeugen haben Konsequenzen: Die Staatsanwaltschaft München verdächtigt Ackermann, Börsig, Breuer und den früheren Personalvorstand Tessen von Heydebreck des Prozessbetrugs und der uneidlichen Falschaussage. 30 Ermittler rückten vorige Woche in den frühen Morgenstunden in den Frankfurter Zwillingstürmen an, durchsuchten die Vorstandsbüros und beschlagnahmten zahlreiche Ordner und Dokumente. Eine Großrazzia bei Deutschlands einziger Bank von internationalem Format ist das Letzte, wessen es inmitten des Führungschaos um die Aufsichtsratsspitze noch bedurft hätte.

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