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John Lipsky : Der Stellvertreter an der IWF-Spitze

IWF-Vize John Lipsky Bild: AFP

Es ist ein intellektuelles Vergnügen, sich mit IWF-Vize John Lipsky zu unterhalten. Dieser tritt auf wie ein Gegenentwurf zu Strauss-Kahn - inhaltlich gibt es aber keine Unterschiede.

          Diesen Abschied hatte John Lipsky sich wohl anders vorgestellt. Erst vergangene Woche hatte der Ökonom erklärt, sich nach fünf Jahren im Amt des Ersten Stellvertretenden Vizedirektors des Internationalen Währungsfonds (IWF) Ende August zurückziehen. Seit dem Wochenende aber ist der Amerikaner gefragter denn je: Mit der Verhaftung von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hat er als Vertreter die Amtsgeschäfte übernommen. Wie lange das Interim dauern wird, ist angesichts der Schwere der gegen Strauss-Kahn erhobenen Vorwürfe offen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Lipsky ist offen und unprätentiös. Es ist ein nicht nur intellektuelles Vergnügen, sich mit dem gebildeten Ökonomen zu unterhalten. Seine Argumente kommen klar und präzise, historische Reminiszenzen aus der Ideengeschichte des Fachs streut er mit großer Leichtigkeit ein. Der Kontrast zu Strauss-Kahn könnte größer kaum sein: Hier der als Grandseigneur und selbstbewusst auftretende Franzose, dort der bodenständige und uneitle Amerikaner aus Cedar Rapids in Iowa. Hier der machtbewusste Politiker, dort der nachdenkliche Ökonom. Als Vermittler in den europäischen Grabenkämpfen um Rettungspakete wird Lipsky sich so wohl schwerer tun als Strauss-Kahn. Auch seine Herkunft könnte Ressentiments hervorrufen. Nicht jeder europäische Politiker mag es, wenn ihm ein Amerikaner die Wirtschaftswelt erklärt.

          Dabei hat Lipsky ein Faible für Europa und für Deutschland, das nicht nur aus den fünf Generationen zurückliegenden Wurzeln seiner Familie in der Ukraine und Ungarn herrührt. Zur Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung beobachtete er die Ereignisse aus London, damals als Ökonom für die Investmentbank Salomon Brothers. Seine Frau stammt aus Osteuropa.

          Drei Männer des IWF: John Lipsky (von links), Tharman Shanmugaratnam und Dominique Strauss-Kahn

          Inhaltlich wirkten Strauss-Kahn und Lipsky während der vergangenen Krisenjahre in großem Einklang. Beide warben sehr früh für große Konjunkturpakete der Industriestaaten, um die Weltwirtschaft vor einer Depression zu retten. „Das Undenkbare denken“ nannte Lipsky dies. Beide glauben, dass der IWF als Feuerwehr mit viel Kapital eher noch mehr Aufgaben zu erfüllen hat. Beide sehen eine Notwendigkeit zur stärkeren, international abgestimmten Finanzmarktregulierung. Lipsky, der sich noch im Frühjahr 2007 optimistisch für die Weltwirtschaft zeigte und die Risiken am amerikanischen Hypothekenmarkt eher kleinredete, wurde wie die meisten wenig später vom Fehlverhalten vieler Banken und Investoren völlig überrascht. Alle hätten sich von den langen Aufschwungjahren einlullen lassen, sagte er später. Sein Kernvertrauen in die Kraft der Märkte hat die Finanzkrise aber nicht erschüttert. In den vergangenen Jahren warnte Lipsky auch vor einer Überregulierung, die Vorteile innovativer Finanzinstrumente ersticke. Sein tiefes Lachen harmoniert mit dieser optimistischen Grundeinstellung. Die besondere Qualität des 64 Jahre alten Ökonomen im Fonds ist, dass er jahrzehntelange Erfahrung an den Finanzmärkten mitbringt.

          Nach der Promotion an der Stanford Universität ging Lipsky zwar zunächst für ein Jahrzehnt zum IWF. 1984 aber wechselte er zu Salomon Brothers, wo er zum Chefvolkswirt aufstieg. Später wirkte er in derselben Funktion bei Chase Manhattan und nach der Fusion bei JP Morgan, wo er stellvertretender Vorstandvorsitzender wurde. In diesen Jahren formte sich der Ruf des ausgesprochen kompetenten Beobachters der Wirtschaft, auf den die Wall Street hörte. Schon 2000 leitete Lipsky im Auftrag des damaligen IWF-Chefs Horst Köhler eine Arbeitsgruppe, die den Fonds bei der Stärkung seiner Finanz- und Kapitalmarktkompetenz beriet.

          Der hochgewachsene Mann mit dem gewaltigen Schnurrbart ist in den Jahren an der Wall Street und im IWF nicht zum Fachökonomen vertrocknet. Seine Interessen sind breiter. Als er im Gespräch mit dieser Zeitung vor wenigen Wochen die Kamera des Reporters erblickte, berichtete er begeistert vom Modefotografen Bill Cunnigham, der seit Jahrzehnten für die New York Times auf den Straßen Manhattans neuen Trends hinterherspürt. Mit Stolz erzählte der Vater dreier Kinder auch, dass seine Tochter als Journalistin beim Modemagazin Harper's Bazaar arbeite. Wie bei vielen Amerikanern füllt Lipskys kräftige Stimme den Raum. Während des Interviews wurde seine Stimme nur einmal leise und klang fast resigniert. Das war, als Lipsky eingestand, dass unter dem Druck der Rückzahlungsverpflichtungen Griechenlands Folgeprogramme immer möglich seien. Für den Fonds bedeutete dies, dass ein wohlgemeinter Versuch der wirtschaftlichen Strukturanpassung vorerst mal wieder gescheitert wäre.

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