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Japan : Tepco hat aus Fukushima nichts gelernt

Schweigt und steht damit in alter Tepco-Tradition: Naoimi Hirose Bild: AFP

Auch zweieinhalb Jahre nach der Kernschmelze in Fukushima leckt täglich hoch radioaktiv belastetes Kühlwasser in den Pazifik. Der neue Chef Naoimi Hirose duckt sich weg. Ein Porträt.

          Wo eigentlich ist Naomi Hirose in diesen Tagen? Auf dem Gelände der havarierten Atomreaktoren in Fukushima zeigt sich immer deutlicher, wie wenig die Lage dort auch zweieinhalb Jahre nach der Kernschmelze in einigen der Reaktoren unter Kontrolle ist. Hoch radioaktiv belastetes Kühlwasser leckt aus einem Tank. Die Atomaufsicht befürchtet, dass sich das auch bei anderen der hastig errichteten Tanks wiederholen kann. Seit bald zwei Jahren fließen zudem täglich nahezu 300 Tonnen Wasser Grundwasser in den Pazifik, das sich in den zerstörten Reaktorgebäuden mit dem belasteten Kühlwasser vermischt hat. Und Hirose, der Chef der Betreibergesellschaft, der Elektrizitätswerke von Tokio (Tepco), schweigt.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Der Chef macht vor, was der ganze Energiekonzern seit Monaten macht. Er igelt sich ein, er vertuscht und er tut nichts dagegen, dass Tepcos Glaubwürdigkeit weiter einen nicht mehr zu korrigierenden Schaden nimmt. Dabei hat der 60 Jahre alte Spitzenmanager bei seinem Amtsantritt im Juli 2012 einen Kulturwandel versprochen. Tepco, schon vor der Atomkatastrophe im März 2011 berüchtigt für seine Lügen und seine Versuche, Pannen in den Atomanlagen zu vertuschen, solle unter seiner Führung transparenter werden, versprach Hirose damals.

          Der neue Chef hatte einen Kulturwandel versprochen

          Er müsste als neuer Präsident eigentlich wissen, wie wichtig diese Transparenz für das Unternehmen ist. Schließlich war er selbst einmal für das Marketing von Tepco verantwortlich. Hirose, der an der Yale-Universität in den Vereinigten Staaten Sozialwissenschaften studierte, ist ein typischer Fall japanischer Managerkarrieren. Schon lange bei Tepco, hat er in dem Energiekonzern alle Abteilungen durchlaufen, die in einem japanischen Konzern eine steile Karriere versprechen. So arbeitete er in der Planungsabteilung, verantwortete das Marketing und rückte im Juni 2010 als Direktor in die engere Führungsriege des Konzerns auf. Hirose ist ein Mann des alten Tepco-Apparats. Wer geglaubt hatte, das Unternehmen habe aus der Atomkatastrophe in Fukushima gelernt, der muss sich spätestens in diesen Tagen eingestehen, dass der Wandel, den Hirose versprochen hat, ein reines Lippenbekenntnis des neuen Präsidenten war.

          Seit bald zwei Jahren sickern täglich rund 300 Tonnen radioaktiv belastetes Wasser durch Lecks aus den Reaktorgebäuden in den Pazifik. Im Juli äußerte die neue Atomaufsicht Japans erstmals den Verdacht. Tepco schwieg. Hirose ließ noch im Juni ausländische Journalisten über das Gelände führen und erklären, die Situation mit dem Wasser sei unter Kontrolle. Später, als Tepco die Panne einräumen musste, hieß es, die Probleme seien vor Ort zwar bekannt gewesen, die Unternehmensspitze in Tokio aber nicht informiert worden. Hirose meinte damals, Tepco habe die Pannen lange nicht mitgeteilt, weil es ja nur Vermutungen gegeben habe, dass Wasser in den Pazifik fließe. Man habe warten wollen, bis zuverlässige Daten vorliegen. Zwei Jahre? Er versprach, künftig werde Tepco sofort informieren, wenn es Hinweise auf Pannen gebe, ohne mögliche Auswirkungen zu fürchten. Und doch schweigt er wieder und steht damit in alter Tepco-Tradition.

          Der Staat ist Mehrheitseigner des Konzerns

          Als nach dem Erdbeben und dem Tsunami im März 2011 die Reaktorkerne schmolzen, ließ sich der damalige Tepco-Chef Masataka Shimizu wegen hohen Blutdrucks erst einmal krank schreiben und tauchte für einige Tage ab. Hirose, der seit seinem 23. Lebensjahr für Tepco arbeitet, sagt zwar, er wolle Tepco ein neues Image verpassen. Er ist aber offenbar so eng verstrickt mit den alten Seilschaften des Konzerns, dass er doch nur das alte Machtgefüge wieder herstellen will.

          Unter der Führung Hiroses hat sich das Unternehmen bislang allen Versuchen widersetzt, dass Manager von außen oder die Regierung mehr Einfluss bekommen. Das Sagen haben die, die weitermachen wollen wie gehabt. Der Staat, der den größten Teil der Kosten zahlt, die durch die Atomkatastrophe in Fukushima entstanden, ist Mehrheitseigner des Konzerns - und doch angesichts der Krise erstaunlich einflusslos.

          Engagement hat Hirose in den vergangenen Wochen dann gezeigt, wenn es darum ging, die stillgelegten Atomreaktoren an anderen Tepco-Standorten wieder ans Netz gehen zu lassen. Da beeilte sich der Präsident schnell, gewogenen japanischen Medien über Fortschritte zu berichten, wenn Kommunalpolitiker vor Ort sich bereit erklärten, Tepco grünes Licht für den Neustart zu geben. Doch Hirose gerät jetzt gerade wegen seines Abduckens unter Druck. Der Chef der neuen japanischen Atomaufsicht, Shunichi Tanaka, hat am Mittwoch erstmals öffentlich in Frage gestellt, dass Tepco in der Lage ist, die Situation in dem Atomkraftwerk allein unter Kontrolle zu bekommen. Hirose hat die Geduld der Regierung in Tokio wohl bald schon überstrapaziert.

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