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IWF-Chefin Lagarde : Die Neue im Währungsfonds

Gelobt für ihren offenen und unkomplizierten Umgang mit Mitarbeitern: Christine Lagarde Bild: dapd

Christine Lagarde hat nach drei Monaten den IWF scheinbar im Sturm für sich eingenommen. In ihren ersten Auftritten fiel sie durch klare politische Botschaften auf.

          3 Min.

          Passend zur Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds ist Christine Lagarde etwa drei Monate im Amt der Geschäftsführenden Direktorin. Mit ihrer direkten und zupackenden Art und wohl auch mit ihrem Charme hat die frühere französische Finanzministerin den Währungsfonds scheinbar im Sturm für sich eingenommen. Gesprächspartner im IWF lassen zumindest nichts auf sie kommen. Die arbeitsame Lagarde zeige großen Willen, sich in die für sie fremden Details der Fondsarbeit einzuarbeiten, heißt es. Gelobt wird ihr offener und unkomplizierter Umgang mit Mitarbeitern.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Lagardes Erfahrung als erfolgreiche Vorstandsvorsitzende der amerikanischen Wirtschaftskanzlei Baker & McKenzie kommt ihr im bürokratischen IWF offensichtlich zugute. Inhaltlich und auch in der Präsentation habe sie einfach überzeugt, heißt es mehrfach aus Direktoriumskreisen. Geholfen hatte der früheren französischen Finanzministerin bei ihrer Berufung aber ohne Frage auch, dass die Europäer mit aller Macht an ihrem historischen Anspruch auf den Posten festhielten. Mit tadelnden Blicken weisen Gesprächspartner fragende Verweise zurück, dass Lagarde als Juristin doch die ökonomischen Detailkenntnisse ihres Vorgängers, des Wirtschaftsprofessors Dominique Strauss-Kahn, oder ihres Konkurrenten um die IWF-Spitzenposition, des mexikanischen Notenbankgouverneurs Agustín Carstens, fehlten. Auch Juristen könnten doch gute Ökonomen sein, heißt es.

          Gar nicht mehr so europäisch

          In ihren ersten öffentlichen Auftritten ist die 55 Jahre alte Lagarde jedenfalls weniger durch ökonomische Analysen als durch klare politische Botschaften aufgefallen. Aufsehen und Verärgerung in Europa erregte bei europäischen Regierungen und Finanzaufsehern ihre deutliche Forderung auf der Notenbankerkonferenz in Jackson Hole, dass Europas Banken schleunigst und notfalls auch mit staatlichen Zwangsinjektionen kapitalisiert werden müssten. Eigentlich war das schon immer die IWF-Position.

          Die pauschalisierende Zuspitzung durch Lagarde aber verschaffte auf einmal Schlagzeilen. Die Europäerin Lagarde schien auf einmal gar nicht mehr so europäisch zu sein. Sie ruderte danach ein wenig zurück und formulierte vorsichtiger. Auch wenn dieser Knatsch zwischen dem IWF und den Euro-Regierungen mittlerweile zumindest teilweise beigelegt ist, hält der Fonds doch an seiner eindeutigen Botschaft fest: Kapitalisierungen sind nicht bei allen, aber bei vielen europäischen Banken dringend geboten, um zu verhindern, dass die staatliche Schuldenkrise noch weiter in das Finanzsystem hinein ausstrahlt.

          „Ein Schritt nach dem anderen

          Inhaltlich folgt Lagarde den Pfaden ihres Vorgängers Strauss-Kahn, dessen Verirrungen in einem New Yorker Hotel ihr letztlich die Rückkehr in die von ihr geliebten Vereinigten Staaten ermöglichten. Mehr internationale Kooperation unter anleitender Aufklärung durch einen starken IWF – so lässt sich im Kern Lagardes wie Strauss-Kahns Mantra beschreiben. Für den Wettbewerb unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Entwürfe ist im selbstbewussten Denken eines IWFlers dabei wenig Raum. Die dräuenden Risiken für die Weltwirtschaft ermöglichen es Lagarde derzeit, sich als starke Stimme für einen starken IWF zu positionieren.

          Dazu gehört der Wunsch nach mehr Kapital. Im Juli sagte Lagarde, man müsse in Kürze über die Finanzierung des IWF sprechen. Mit vereinbarten 1 Billon Dollar ist dieser finanziell so gut ausgestattet wie noch nie. Vor Journalisten präzisierte sie später, es gehe darum, dass die Länder den Beschluss zur Erhöhung der Kapitalquoten national auch umsetzten. Im Nachsatz aber fügt sie leiser an: „Ein Schritt nach dem anderen.“ Ihr Appetit auf mehr Kapital für den Fonds scheint nicht gestillt. Regierungsvertreter aus Deutschland und den Vereinigten Staaten betonen, dass dem Fonds hinreichend Kapital auch in den jetzigen Krisenzeiten zur Verfügung stehe.

          Die Sprache Organisation übernehmen

          Lagarde selbst beschrieb ihre ersten Wochen im Fonds in einer Gesprächsrunde mit Journalisten vor kurzem als Lernprozess – und sie machte dabei nicht den Eindruck, als ob sie davor zurückscheute. Begeistert berichtete die Französin davon, wie die Arbeit im Währungsfonds dazu beitrage, den persönlichen Blickwinkel auf globale Zusammenhänge zu richten. Der obligatorische Verweis auf die 187 Mitgliedstaaten des IWF durfte dabei nicht fehlen. Lagarde ist dabei, die Sprache der internationalen Organisation zu übernehmen, nach der offiziell immer eine harmonische Zusammenarbeit in einer internationalen Gemeinschaft gelobt wird. Das spiegelt die trotz vieler Bemühungen immer noch vorhandene Verschlossenheit der Institution wider, die nach außen mehr für sich wirbt, als zu informieren.

          Über der glücklichen Liebesgeschichte zwischen Lagarde und dem IWF schwebt drohend, dass der früheren Finanzministerin in Paris eventuell noch ein Justizverfahren in der Affäre um Adidas-Anteile des Geschäftsmanns Bernard Tapie droht. Lagarde weist die Vorwürfe, durch ein Schiedsgerichtsverfahren Tapie zu Lasten des Steuerzahlers begünstigt zu haben, entschieden zurück. Sollte die Geschichte für Lagarde dennoch unglücklich ausgehen, wäre das wohl das Ende des europäischen Anspruchs auf den Chefposten im Fonds, sagen IWF-Mitarbeiter.

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