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Industrielle Revolution : Das Spinnrad der Geschichte

Die Räder der Geschichte Bild: Stephan Finsterbusch

Was vor 300 Jahren in Italien mit Wirtschaftsspionage begann, setzte sich in England mit einem Auftragsmord fort und mündete in die moderne Industrie.

          John Lombe hatte seine Fabrik gerade errichtet, als die Italiener ihm auf die Spur kamen. Er hatte ihre Seidenspinnerei bei Turin ausspioniert, hatte ihnen die Geheimnisse ihrer Maschinen entrissen, war damit nach England geflohen, ließ sie sich dort patentieren und machte daraus ein gutes Geschäft. Dafür sollte er nun büßen. Am besten mit dem Leben. Das Gift war gemischt, der Mordauftrag erteilt, der Killer auf dem Weg nach Derby. Die Stadt in den Midlands war Lombes Zuhause. Von ihr aus sollte er die Welt verändern. Nun aber war er in Gefahr.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit dem Geld seines Onkels und den Beziehungen seines Bruders hatte er eine fünf Stockwerke hohe Mühle errichtet. Fabrik Nummer eins. Mit ihr ging alles los. Das Haus steht noch heute, mitten im Fluss auf einer Insel, 110 Fuß lang, 39 Fuß breit, 55 Fuß hoch. Unten die Spinn- und Zwirnräder, oben die Wickelanlagen. Zehntausende Rollen, Spulen und Winden. Ein Wasserrad trieb alles an. Hier wurden Seidenfäden zu feinsten Garnen versponnen. Stoffe für die Gutbetuchten.

          Die Lombe Mill in Derby

          Arbeit und Kapital standen erstmals unter einem Dach. Eine Mühle als Fabrik. Der Schriftsteller Daniel Defoe nannte sie in seinen Reisetagebüchern von 1724 eine Sensation. Englands erster Großindustrieller Richard Arkwright wird sie als Vorbild für die eigenen Betriebe nehmen. Für Karl Marx ist sie die Wiege der Industriellen Revolution gewesen. Mit ihr wurde Großbritannien erst zur Wirtschafts- und dann zur Weltmacht. Nach der Wasser- kam die Dampfkraft, nach Mühlrädern kamen Lokomotiven, Elektrizität und Strom. Die Welt der Moderne begann vor ziemlich genau 300 Jahren.

          Die Erfindung, mit der alles los ging, kam aus Italien, schreibt der Historiker Paul Mantoux. Die Revolution, die sie auslöste, war eine britische. Lombe war der erste Mann in einem Heer von Kapitalisten. Seine Mühle wird im Laufe der Zeiten zweimal abbrennen und zweimal neu errichtet - nach alten Plänen, mit alten Steinen und neuen Ideen. Lombe hatte Seide versponnen, seine Nachahmer werden zu Baumwolle greifen, einen Weltmarkt erobern, eine neue Gesellschaft und eine neue Klasse schaffen.

          Die Mutter aller Mühlen

          Binnen fünf Jahrzehnten errichteten Unternehmer wie Arkwright, Strutt oder die Evans mitten in England, mitten in Derbyshire und entlang des reißenden Flusses Derwent mehrere Dutzend Textilmühlen. Sie schufen riesige Vermögen und gründeten Dynastien von Unternehmern; sie stellten die Welt auf den Kopf und gaben der Wirtschaft eine neue Basis. Fließendes Wasser wurde zu nutzbarer Energie und brachte das ganze Land zum Laufen. „Das Tal des Derwent war mal das, was heute das Silicon Valley ist“, sagt Robert Aram.

          Die Masson Mill in Matlock Bath war 1783 von Richard Arkwright errichtet worden.

          Es geht immer flussaufwärts und immer am Ufer entlang. Wälder, Felder, Trampelpfade. Ein tagelanger Rucksackmarsch durch die Natur und die Vergangenheit. Von Derby über Darley Abbey und Belper bis hinauf nach Cromford und weiter nach Matlock Bath. Ein verschlafener kleiner Ort, der nur an sommerlich warmen Wochenenden von der Sonne zum Leben wach geküsst wird. Touristen, Cafés und ein paar Spielhallen. Hinter dem Hügel gleich neben dem Fluss steht die alte Masson Mill. Ein Monument.

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