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Immobilienpleitier Jürgen Schneider : Das Theater feiert einen alten Baulöwen

  • -Aktualisiert am

Anfang der achtziger Jahre entwickelt Schneider sein betrügerisches Geschäftsmodell: Er kauft sanierungsbedürftige Häuser, frisiert Angaben über Quadratmeterpreise und voraussichtliche Mietflächen und kann so mehr Geld von der Bank bekommen, als die Objekte wert sind. Überzählige Millionen steckt Schneider in seine „Frostkasse“ - die eiserne Reserve. Weil seine Projekte nie so rentabel sind wie auf dem Papier, braucht er schnell frische Kredite, also neue Objekte: ein Schneeballsystem, zu dem bald so prestigeträchtige Immobilien wie das Kurfürsteneck in Berlin, die Leizpiger Mädler-Passage und die Zeil-Galerie in Frankfurt gehören. „Ich musste mein Reich unentwegt aufblähen, um es vor dem Untergang zu bewahren“, erinnert er sich später.

Kaum ein Kreditgeber schaut sich Schneiders Konstruktionen genauer an. Die Banker lassen sich blenden von Erfolg und Auftreten, von dem protzigen Firmensitz in einem Schlösschen im Taunus. Schneider kreiert währenddessen Scheinfirmen, fingiert Gutachten und fälscht Mietverträge. Das kann nicht ewig gutgehen.

Schneider wird sogar um Autogramme gebeten

Im Frühjahr 1994 ist Schneider Deutschlands größter privater Immobilienbesitzer und Kreditnehmer - und am Ende. Ein kritischer Artikel in der F.A.Z. lässt die Banken aufhorchen. Schneider überweist noch schnell 245 Millionen Mark aus seiner „Frostkasse“ in die Schweiz und flieht dann mit seiner Frau nach Florida. Im Mai 1995 wird das Ehepaar in Miami festgenommen. Zwei Jahre später wird Schneider wegen Kreditbetrugs, Betrugs und Urkundenfälschung zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Jahrelang hielt sich Schneider zurück mit Vorwürfen gegen die seiner Ansicht nach mitschuldigen Banken. Doch seit sich mit der Finanzkrise die öffentliche Meinung zu dem Thema so dramatisch gewandelt hat, teilt Schneider aus, fordert, man müsse „die Banker an die Kette legen“, und erlaubt sich, seinen eigenen Fall so zu bilanzieren: „Ich wollte bauen, die Banken wollten Geld verdienen.“

Das Publikum lässt ihm das durchgehen. Im Stuttgarter Theatersaal wird Schneider sogar um Autogramme gebeten, während des anschließenden Publikumsgesprächs meldet sich ein Besucher und sagt: „Ich fand das richtig klasse, was Sie damals gemacht haben“. Der Milliardenbetrüger passt als Bankerschreck bestens in die heutige Zeit. Seiner Frau hat Schneider versprochen, keine Immobilien mehr anzurühren. Trotzdem ist er wieder in der Branche aktiv, berät junge Mittelständler zu Bau- und Finanzierungsfragen. Die Einkünfte darf er allerdings nicht behalten, seine Schulden betragen noch immer 1,1 Milliarden Euro. Freunde und Verwandte unterstützen ihn.

Unter seinen Klienten war auch einer der Geschäftsführer der Immobilienfirma S&K, der im Februar wegen Betrugsvorwürfen festgenommen wurde. Der Verdacht der Staatsanwaltschaft: ein Schneeballsystem. Schneider seufzt: „Ich habe das kommen sehen.“

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