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Im Porträt: Jörg Asmussen : Der Gehilfe

Kurzhaarschnitt, modische Brille, kontrollierte Lässigkeit: Jörg Asmussen verkörpert einen neuen Typ von Spitzenbeamten Bild: Janni Chavakis/Laif

Jörg Asmussen ist Deutschlands Mann in der EZB. Jetzt hilft er, die Notenpresse anzuwerfen. Der Kanzlerin ist’s recht. Sein alter Freund, Bundesbankchef Jens Weidmann, schreit auf.

          Der 6. September wird ein einschneidender Tag in der Geschichte des Euro: Der Rat der Europäischen Zentralbank will über ein gewaltiges neues Euro-Rettungsprogramm entscheiden. Die detaillierten Pläne dazu hat ausgerechnet ein Deutscher ausgearbeitet, Jörg Asmussen, Mitglied des EZB-Direktoriums; gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Benoît Coeuré. Der Auftrag kam von EZB-Präsident Mario Draghi. Es geht um ein bombastisches Programm zum Ankauf südeuropäischer Staatsanleihen - ohne Limit und ohne zeitliche Begrenzung.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zugleich wird dieser Tag der Höhepunkt in einem erbitterten Streit zweier ehrgeiziger junger Euro-Retter: Jörg Asmussen und Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank. Der eine ist für solche Anleihenkäufe, der andere hält sie für Teufelszeug.

          Warum verlor Weidmann ausgerechnet ihn als Verbündeten?

          Der gebürtige Flensburger Asmussen, 45 Jahre, Karrierebeamter mit Superkurz-Haarschnitt und modischer Brille, war einst Freund und treuster Verbündeter Weidmanns. Jetzt ist er zu dessen Gegenspieler geworden.

          Als alles noch gut war: Asmussen (links) und Weidmann 2009 im Kanzleramt

          Während Weidmann mit aller Kraft gegen das Anleihenprogramm opponiert, weil er nichts Geringeres als die Stabilität des Euro selbst in Gefahr sieht, verteidigte Asmussen das Programm vergangene Woche in einem Interview ausgiebig. Er sei „viel besser konzipiert“ als das Vorgängerprogramm, für das die EZB immerhin mehr als 200 Milliarden Euro ausgab - ohne dass die Probleme Südeuropas im Entferntesten gelöst wurden.

          Kommt es zum Showdown, dürften die beiden Deutschen im EZB-Rat in einer zentralen Frage gegeneinander stimmen. Kein Wunder, dass sich viele - nicht nur in geldpolitisch interessierten Zirkeln - fragen: Was ist da los? Was motiviert Asmussen, der schließlich von der Bundesregierung für diesen Posten vorgeschlagen wurde, Seit’ an Seit’ mit den Südländern zu kämpfen? Und vor allem: Warum verlor der Bundesbankpräsident ausgerechnet Asmussen als Verbündeten: ihn, den Freund?

          „Positionen aus dem 19. Jahrhundert“

          In Berlin waren sie einst das Dreamteam der großen Koalition: Der „Jörg“ und der „Jens“, wie sie sich gegenseitig nannten. Asmussen, selbst SPD-Mitglied, war Staatssekretär von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Weidmann, parteilos, war Wirtschaftsberater von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie verkörperten jene Staatsräson der großen Koalition, die im Nachhinein viele lobten: Wenn die Koalition in der Finanzkrise so geräuschlos funktionierte, dann lag das auch daran, dass die beiden jungen Männer, die im Hintergrund die Strippen zogen, sich blind auf einander verlassen konnten.

          Jetzt, in der Euro-Krise, ist das anders. Das Krisen-Duo funktioniert offenbar nicht mehr. Zwar hält man nach außen die Contenance. Hinter den Kulissen aber schimpfen sie wie die Rohrspatzen. Weidmann vertrete „Positionen aus dem 19. Jahrhundert“, wettern die Asmussen-Freunde. Der Hauptvorwurf der Gegenseite lautet, Asmussen habe kein ordnungspolitisches Rückgrat.

          Unterschiedliche Rollen in den neuen Jobs der beiden alten Freunde gehören offenbar ebenso zu den tieferen Gründen für den Streit wie eine unterschiedliche Prägung in der bisherigen beruflichen Laufbahn.

          Spielraum, sich anders zu verhalten

          Asmussen ist als Mitglied des Direktoriums der EZB so etwas wie der „Außenminister“ für EZB-Präsident Mario Draghi geworden. Es gehört damit zu seinem Job, die Linie der EZB gegenüber Europas Politikern zu vertreten. Das hat er verinnerlicht.

          Anders Weidmann, der seit seinem Wechsel auf den Posten des Bundesbankpräsidenten die Unabhängigkeit des Amtes durchaus zu nutzen weiß. Die Rolle eines Mahners für einen stabilen Euro gehört in der Tradition der Bundesbank zu seinem Job. Die unterschiedlichen Rollen erklären einen Teil der Differenzen.

          Auch Asmussen hätte in seinem Amt allerdings Spielraum, sich anders zu verhalten - das zeigt ein Vergleich mit den Altvorderen. Im Mai 2010 standen Jürgen Stark, sein Vorgänger im Direktorium der EZB, und der damalige Bundesbankpräsident Axel Weber vor einer ähnlichen Situation. Die EZB wollte griechische Anleihen kaufen, um das Euro-Chaos zu beruhigen. Weber äußerte sich, allen Comments der Notenbanker zum Trotz, öffentlich kritisch darüber. Und gab sein Amt schließlich ab. Auch Stark sparte nicht mit Kritik und warf am Ende ebenfalls zermürbt hin.

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