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Im Gespräch: Melinda Gates : „Wem viel gegeben wird, von dem wird auch viel erwartet“

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Wir haben uns eingelesen: Wie kann es sein, dass Kinder in den Entwicklungsländern an Durchfall sterben - und warum so viele: 1,3 Millionen Kinder jedes Jahr? Wir haben geguckt, an welchen Krankheiten die meisten Kinder sterben und wer auf den Gebieten arbeitet. Erschrocken haben wir festgestellt, dass oft überhaupt niemand etwas dagegen unternahm. Also haben wir gesagt: Dann machen wir das jetzt.

Sie führen die Stiftung wie einen Wagniskapital-Fonds: Nach dem Grundsatz: hohes Risiko, hoher Return on investment. Kann man so Krankheiten bekämpfen?

Damit können wir auch riskantere Ansätze und Ideen verfolgen, die staatliche Einrichtungen nicht fördern dürfen, weil sie mit öffentlichen Mitteln finanziert werden.

Sie haben mehr als 4,5 Milliarden Dollar in die Entwicklung von Impfstoffen gesteckt. Haben Sie die Zauberformel gefunden?

Nicht für alles, nein. In Indien ist es uns dank der Impfungen endlich gelungen, die Kinderlähmung auszurotten. Aber gegen Aids oder Malaria gibt es noch keinen wirksamen Impfstoff.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit? Stellen Sie Ihre Bemühungen irgendwann ein?

Wir machen natürlich weiter. Bei Malaria haben wir Mittel, die effektiv vor einer Ansteckung schützen; Bettnetze und Sprays zum Beispiel. Wir investieren in die Entwicklung neuer Medikamente, die helfen, wenn man an Malaria erkrankt ist. Der Großteil unseres Budgets hier geht aber in die Entwicklung eines Impfstoffs. Da sind wir in sieben afrikanischen Ländern gerade in der dritten Testphase und hoffen, den Impfstoff bald auf den Markt bringen zu können. Gleichzeitig testen wir bereits die nächste Generation, denn wir wissen, dieser Impfstoff ist nicht die ultimative Lösung, sondern ein Anfang.

Können Sie den Kampf gegen die tödlichen Krankheiten gewinnen?

Ja, da bin ich optimistisch. Wir müssen einfach: In dem Augenblick, in dem wir hier sitzen, stirbt eine Frau in Afrika im Kindsbett, jede Minute sterben zwei Kinder an Malaria, drei an Tuberkulose, und neun werden mit HIV infiziert.

Sind Impfstoffe das Allheilmittel?

Wir haben uns so lange auf die Impfungen fokussiert, weil wir erst eine Sache perfekt beherrschen wollten, bevor wir eine neue beginnen. So haben wir das im Computer-Business gelernt. Und Impfungen helfen: 1960 sind 20 Millionen Kinder unter fünf Jahren gestorben, heute sind es dank der Impfungen nur noch acht Millionen. Von den acht Millionen sterben aber 3,7 Millionen innerhalb der ersten 40 Tage. Da können Sie noch nicht impfen, denen müssen wir anders helfen.

Wie?

Indem wir kulturelle Gepflogenheiten aufbrechen. Kürzlich war ich in Nordindien, wo viele Neugeborene sterben. Die Geburt dort ist ein dreckiger und infektiöser Vorgang, deshalb wird das kastenniedrigste Familienmitglied abkommandiert, sich nach der Geburt direkt um die Mutter zu kümmern. Das Neugeborene legt man nackt auf den dreckigen Boden, wo es auskühlt. Anschließend wird alle Schmiere, die das Baby schützt, abgerubbelt mit einer sandigen Paste, die die Haut verletzt, danach ist das Baby noch kälter und zudem ungeschützt. Würde die Mutter es nun an die Brust nehmen und stillen, würde sie es wärmen. Das tut sie aber nicht.

Warum nicht?

Weil sie wartet, bis der Geistliche sein Okay dazu gibt, das kann sieben Tage dauern. In der Zeit bekommt das Neugeborene nur verdünnte und häufig verunreinigte Ziegenmilch. All das schwächt das Baby. Das muss man ändern, indem man alle überzeugt: die Mütter, Großmütter, die Männer und Geistlichen. Dann kann sich etwas ändern.

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