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Schuhfabrikant : Heinz Horst Deichmann ist tot

  • -Aktualisiert am

Heinz-Horst Deichmann Bild: Claus Setzer

Er begann mit Sandalen aus Pappelholz und einer Tauschbörse für gebrauchte Schuhe: Nun ist der Schuh-Unternehmer Heinz Horst Deichmann im Alter von 88 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

          3 Min.

          Bis ins hohe Alter hat er noch Dutzende von Filialen im Jahr besucht. Auch von seinen ständigen Dienstreisen nach Indien hat sich der Hochbetagte nicht abhalten lassen. Heinz Horst Deichmann hat sich fast bis zum letzten Tag engagiert: Als Christ, Unternehmer und Arzt, wie er selbst einmal die Reihenfolge seiner persönlichen Präferenzen aufgezählt hat. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist er am vergangenen Donnerstag im Alter von 88 Jahren in Essen gestorben.

          Das hundertjährige Firmenjubiläum im Jahr 2013 hat er noch in bester körperlicher und mentaler Fitness mitfeiern können. Während des Festaktes in der Essener Philharmonie, zu dem Familie, Mitarbeiter, Weggefährten, Geschäftspartner und Schuhfabrikbesitzer aus aller Welt geladen waren, war er der Hauptredner. Sehr emotional, fast anrührend hat der „Sohn eines Schuhmachers“, wie er sich wiederholt nannte, von den Wurzeln des Unternehmens, einem kleinen Schuhgeschäft am Borbecker Markt in Essen, erzählt.

          Mit so mancher Anekdote gespickt, hat er den Aufstieg des kleinen Betriebs zu Europas größter Schuh-Handelskette skizziert und fast mehr noch von seinem Mitte der siebziger Jahre gegründeten christlichen Hilfswerks „Wort und Tat“ und seiner ersten Begegnung mit Leprakranken in Indien erzählt. Sehr Stolz war er an jenem Festabend auf den ersten öffentlichen Auftritt seines Enkelsohns, der vielleicht eines Tages die Familientraditionen des Unternehmens fortsetzen wird.

          Sandalen aus Pappelholz

          War der heutige Branchenprimus in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens kaum mehr als ein Schuhgeschäft, das die Bergarbeiter und ihre Familien mit bezahlbarem Schuhwerk versorgte, so hat erst Heinz Horst Deichmann die eigentliche Basis für das heutige Schuhimperium gelegt. Nach dem frühen Tod des Vaters musste er schon in jungem Alter der Mutter neben der Schule und dem späteren Medizin- und Theologiestudium helfen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde zunächst mit viel Einfallsreichtum und ersten Angestellten improvisiert: Deichmann fertigte Sandalen aus Pappelholz und Fallschirmgurten und richtete eine Tauschbörse für gebrauchte Schuhe ein.

          Später brachte der inzwischen promovierte junge Orthopäde schon vor seinem morgendlichen Dienstantritt in der Klinik Schuhe in die ersten Filialen Essens und holte dort am Abend nach dem Dienst die Einnahmen ab. Mit den gut florierenden Geschäften in den beginnenden Wirtschaftswunderzeiten hängte er jedoch den Arztberuf an den Nagel, um sich ausschließlich um die rasche Expansion des Unternehmens zu kümmern. Erste Übernahmen von Schuhhandelsketten im Ausland, darunter in der Schweiz oder den Vereinigten Staaten, beschleunigten das Wachstum. Deichmann war der Erste in der Schuhbranche, der in den sechziger Jahren Schuhmodelle nach Größen sortiert auf den Regalen zeigte und später das sogenannte Rack-Room-System einführte, also die Präsentation des kompletten Schuhpaares im Karton in allen verfügbaren Größen.

          Der Unternehmer, der nach eigenem Bekunden einer Frau immer zuerst auf die Schuhe und erst dann in die Augen schaute, installierte überdies frühzeitig ein voll integriertes Warenwirtschaftssystem. Auch damit war er Pionier im Schuh-, Mode- und Bekleidungshandel. Obwohl der feinsinnige Herr mit dem schlohweißen Haar und den wachen Augen bis ins hohe Alter am Tagesgeschäft interessiert war und regelmäßig in sein Büro in die Essener Firmenzentrale kam, hat er frühzeitig die operative Führung abgegeben, und zwar an seinen Sohn Heinrich. Als dieser ihm eines Tages sagte, er wolle nun das Unternehmen leiten, setzte der Senior dem nichts entgegen.

          Reichen-Listen interessierten ihn nicht

          Loslassen zu können und frühzeitig Verantwortung weiterzugeben, das ist eine unternehmerische Leistung, die bei vielen anderen Familienunternehmen längst nicht so selbstverständlich ist. „Das Unternehmen muss den Menschen dienen“, lautet der von Deichmann geprägte, und auch von der nächsten Generation weiter gelebte Leitspruch der Gruppe: Nämlich den Kunden, den Mitarbeitern und den Lieferanten. Er spiegelt auch das Credo der im christlichen Glauben verwurzelten Familie. Aus Sicht des Verstorbenen, der im Gespräch immer wieder aus der Bibel zitierte, hat wirtschaftlicher Erfolg vor allem die große Freiheit verschafft, christliche Werte leben zu können. So hat er sich seit Jahrzehnten über seine Stiftungen für viele missionarische und sozial-karitative Projekte vor allem in der Dritten Welt eingesetzt. Mit rund 12 Millionen Euro dotiert die Familie jährlich ihr Hilfswerk für notleidende Menschen.

          Dass er auf den einschlägigen Listen der reichsten Deutschen geführt wurde, interessierte Deichmann nicht weiter. „Bei uns steckt das Geld in der Firma und nicht im persönlichen Luxus“, hat er einmal gesagt. Auch in dem Familienunternehmen, das ungeachtet seiner Milliardenumsätze und seiner Präsenz in mehr als zwanzig Ländern noch immer den Anstrich eines familiären Unternehmens hat, legte „Dr. Deichmann“ - wie er bei den Mitarbeitern zur Unterscheidung von Sohn Heinrich genannt wurde - Wert auf ein soziales Umfeld.

          So hat er beispielsweise eine über dem Standard liegende Versorgung der Belegschaft eingeführt: Dazu gehören etwa ein Betriebsrentensystem, kostenlose Gesundheitswochen in der Schweiz oder eine Unterstützungskasse, die in Notfällen unbürokratisch hilft. Auch wird im Unternehmen auf Minijobs verzichtet. Der seit einigen Jahren verwitwete Ausnahmeunternehmer war ein großer Liebhaber klassischer Musik.

          ür seine Verdienste wurde er vielfach ausgezeichnet. Nicht nur mit den höchsten Verdienstorden, die hierzulande vergeben werden, sondern auch mit Ehrendoktorwürden oder Honorarprofessuren beispielsweise der Ben-Gurion-Universität. Deichmann hinterlässt drei Töchter, einen Sohn und zahlreiche Enkel.

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