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Hoeneß-Verteidiger Feigen : „Jetzt rede ich!“

  • -Aktualisiert am

Im Gerichtssaal: Uli Hoeneß und sein Verteidiger Hanns W. Feigen (l.). Bild: dpa

Der Hoeneß-Verteidiger Hanns W. Feigen verschafft sich im Gerichtssaal Respekt. Mit einem donnernden Schlag auf den Tisch unterbrach er Hoeneß zweimal. Doch wie viel kann der frühere Jesuitenschüler im Prozess noch ausrichten?

          Strafverteidiger sind meist aus härterem Holz geschnitzt als ihre Kollegen aus Anwaltskanzleien, die an Übernahmeverträgen oder Steuergestaltungen basteln. Doch selbst in diesem Umfeld darf Hanns W. Feigen, der in diesen Tagen für den FC-Bayern-Präsidenten Ulrich Hoeneß kämpft, als juristisches Schwergewicht gelten. Ausgestattet ist er mit einer robusten Statur, einer tiefen Stimme und einem Naturell, das geprägt ist von einer herzhaften Hemdsärmeligkeit. Das dürfte es dem Arztsohn aus Oberhausen erleichtert haben, seinem eigenen Mandanten im Gerichtssaal mehrfach in die Parade zu fahren, als Hoeneß mit seinen Aussagen immer mehr von seiner Glaubwürdigkeit verspielte. Mit einem donnernden Schlag auf den Tisch unterbrach Feigen den Angeklagten zweimal, stoppte seine Widerworte mit dem Ausruf: „Jetzt rede ich!“ Damit stellte er klar, dass ein paar Aussagen von Hoeneß mit dem wahren Geschehen wenig zu tun hatten.

          Das muss man sich leisten können. Doch Hoeneß wird wissen, dass ein Machtmensch wie er bestenfalls noch von einem anderen Platzhirschen vor dem Gang ins Gefängnis bewahrt werden kann. Denn das ist Feigen. Zu seinen aktuellen Mandaten gehören der Ko-Vorsitzende der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, der in der Dauerfehde mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch die Justiz belogen haben soll; auch wegen einer falschen Steuerklärung seiner Bank haben Staatsanwälte ihn ins Visier genommen. Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking baut ebenfalls auf Feigens Hilfe; er ist in Stuttgart angeklagt wegen angeblichen Kursbetrugs im Zuge der gescheiterten VW-Übernahme. Und zu seinem stattlichen „Track-Record“, wie Wirtschaftsanwälte mit Stundenhonoraren von 500 Euro ihre Trophäen nennen, zählt der frühere Post-Chef Klaus Zumwinkel, den er vor dem Landgericht Bochum haarscharf vor einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung wegen Steuerhinterziehung bewahrte.

          Lernte in einer renommierten Bonner Kanzlei

          Der Jesuitenschüler Feigen spielt auf der gesamten Klaviatur seiner Zunft: Auch Unternehmen wie die Privatbank Sal. Oppenheim berät er, wenn deren Manager ins Zwielicht geraten; ebenso Zeugen wie den damaligen Vorstandschef des britischen Telefonkonzerns Vodafone, als der im Mannesmann-Prozess in Düsseldorf auftreten musste. In die Medien drängt der Anwalt aber nicht – im Gegenteil: Das Geheimnis, dass Hoeneß über 20 Millionen Euro und nicht bloß 3,5 hinterzogen haben dürfte, blieb bis zu Feigens Erklärung am ersten Tag im Verhandlungssaal gut gehütet. Sogar der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft zeigte sich verblüfft.

          Das Handwerk gelernt hat der Jurist einst in der renommierten Bonner Kanzlei Redeker Dahs bei der Strafrechtslegende Hans Dahs. Später gründete Feigen mit seinem Kölner Partner Walther Graf eine eigene Sozietät mit Sitz im noblen Frankfurter Stadtteil Westend. Seine Frau Barbara Livonius, ebenfalls Verteidigerin in Wirtschaftsstrafsachen, hat ihre eigene Kanzlei ein paar Häuser weiter. Nur ein paar Meter weiter wohnen die beiden. In einem Steakhaus um die Ecke sind sie Stammkunden; für die Tischreservierungen des Ehepaars hält es ein graviertes Namensschild bereit.

          Feigen findet „Privatisierung der Strafverfolgung“ schwierig

          Feigen hat miterlebt, wie sich die Strafjustiz in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Früher hatten Staatsanwälte oft wirklich zu viel Respekt vor Managern in Nadelstreifen, räumt er ein. Doch seit die Bundesländer flächendeckend Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Wirtschaftskriminalität eingerichtet haben und der Bundestag immer neue Strafgesetze verabschiedet hat, ist nach seiner Einschätzung das Klima umgekippt. Heute drohen Prominenten Vorverurteilung und ein Malus beim Strafmaß, fürchtet er.

          Skeptisch sieht er auch die Tendenz von Unternehmen, selbst Straftäter in den eigenen Reihen aufzuspüren und den Staatsanwaltschaften dann die Beweise zu liefern. Eine solche „Privatisierung der Strafverfolgung“ sei kaum mit dem Grundrecht von betroffenen Managern und Mitarbeitern vereinbar, sich nicht selbst belasten zu müssen. Vorständen und Aufsichtsräten kreidet er an, dass sie dem Druck nachgeben, den Staatsbehörden einen solchen „Ermittlungsservice“ zu liefern. Dabei würden sie am Ende oft dennoch selbst gefeuert und müssten noch happigen Schadensersatz an ihren früheren Arbeitgeber zahlen, warnt er.

          An diesem Freitag feiert Feigen seinen 65. Geburtstag; da wird das Landgericht wohl kaum einen zusätzlichen Sitzungstag ansetzen. Dass die Richter am Vortag – wie ursprünglich geplant – ihr Urteil über Hoeneß fällen, ist unklar. Aber im Moment sieht es ohnehin nicht danach aus, dass ihr Verdikt ein besonders erfreuliches Präsent werden wird.

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