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Hochwasser in Deutschland : Stadt, Land, Flut

  • -Aktualisiert am

„Es war unglaublich“: Die Helfer kamen in Scharen Bild: Lüdecke, Matthias

Das Hochwasser lässt verzweifelte Menschen, zerstörte Orte und Milliardenschäden zurück. Doch gleichzeitig finden sich mitten im Chaos Mut, Tatkraft und Bürgersinn. Zum Beispiel in Dresden.

          Das Feldbett hinter dem Schreibtisch von Christian Korndörfer sagt alles. Dresden ist im Ausnahmezustand, und der Leiter des Umweltamtes ist es auch. „Sag mir das mit Ústí in Tschechien noch mal, die 8-Uhr-Werte“, bittet er seinen Kollegen. „Drei, fünf, eins, null.“ Auf dem Boden liegen Hoch- und Grundwasserkarten verstreut. Grüne, weiße und violette Höhenlagen sind verzeichnet und dazwischen, blau, die Elbe. Auf einem Bildschirm erscheinen immer neue Kurven, Mitarbeiter kommen herein.

          „Die Energielinie ist flacher.“ „Daran siehst du, dass diese Wellentransformation so nicht funktioniert.“ Die Schmalzbrote mit den sauren Gürkchen bleiben unberührt. Es herrscht konzentrierte Hochspannung. Vier Stunden schlafe er jede Nacht, sagt Korndörfer. Wie viel Schlaf er bekommt, ist eine Art Krisenbarometer. 2002 waren es nicht einmal drei. Viel schlimmer sei es damals gewesen. Keine Karten hätten sie gehabt, nur gerechnet den ganzen Tag und ganz anders rotiert. Heute gibt es einen Hochwasserabwehrplan. Zwei blaue Ordner, Korndörfers Bibel. Der Physiker ist ein direkter, energischer Mann.

          Er denkt in Laufzeiten, Flusssystemen und Kubikmetern Regen je Sekunde und wirkt wie jemand, der es gewohnt ist, schwierige Entscheidungen zu treffen. Er zeigt auf ein Schwarzweißfoto an der Wand. Die Weißeritz 2002. Ein reißender Fluss, in der Mitte treibt ein Gartenzwerg vorbei. Ein Freund habe das Bild gemacht, in den Fluten stehend. „Er ist ein bisschen verrückt“, sagt Korndörfer. Ein Telefon klingelt.

          Eine Mischung aus Faszination und Anteilnahme

          Jemand empört sich über fehlende Absperrungen an den mobilen Hochwasserschutzwänden, die von manchen als Balkon zum Elbe-Gucken missverstanden werden. Korndörfer lässt sich zum Krisenstab durchstellen und wird ein bisschen laut. „Wir müssen die Verbaulinien großräumig absperren. Da hat niemand an die Wände zu gehen. Die drehen an den Schrauben der mobilen Elemente rum, wenn da eins kaputtgeht...!“ Er schüttelt den Kopf. „Die Leute“, sagt er, „haben keine Ahnung von der Gewalt der fließenden Welle.“

          Im Zentrum Dresdens liegt in der Tat eher Bratwurstduft als Angst in der Luft. Es ist der erste schöne Tag seit Wochen. Touristen und Einheimische sonnen sich auf halb überschwemmten Treppen und genießen den weltberühmten Blick auf Frauenkirche, Zwinger, Kunstakademie und Semperoper. In Trauben stehen sie auf der Augustbrücke und der Brühlschen Terrasse und bestaunen die schlammbraunen Wassermassen. Die Uferstraße ist verschwunden, Laternen und Verkehrsschilder schauen nur noch zur Hälfte aus den Fluten.

          Aber dieses Mal schützt der nach 2002 errichtete Hochwasserschutz am Terrassenufer das historische Herz der Stadt, trotz 8,76 Metern Pegelstand. Die Menschen blicken in den breiten Strom, vom dem sie nur wenige Zentimeter Stahl trennen. Die Gesprächsfetzen verraten eine Mischung aus Faszination und Anteilnahme. Und immer wieder geht es um 2002, als die Elbe und mehrere kleine Flüsse Dresden mit 9,40 Metern ein HQ1000 bescherten. Ein Jahrtausendhochwasser.

          Spielfreies Wochenende Bilderstrecke

          Ein paar Kilometer weiter, im Stadtteil Pieschen, spielen sich andere Szenen ab. Hunderte meist junge Leute bilden eine Menschenkette, füllen Sandsäcke, reichen sie von Hand zu Hand und errichten Barrieren gegen das Wasser, das bedrohlich nahe gekommen ist. Im Internet, auf Facebook hätten sie gelesen, dass Helfer gesucht würden, erzählen sie. Oder dass sie in der Nähe wohnen und gesehen hätten, was los ist.

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