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Fachkräftemangel : Pflegeausbildung für Autisten

Alltag im Seniorenheim Bild: Wolfgang Eilmes

Offene Stellen im Pflegesektor sind schwer zu besetzten. Ein Modellprojekt in Hessen soll den Fachkräftemangel lindern – und Menschen mit Förderbedarf eine Perspektive bieten.

          Kaum ein Sektor ist so stark vom Fachkräftemangel betroffen wie die Pflege. 2,8 Millionen Deutsche sind heute schon pflegebedürftig, 2050 werden es mehr als vier Millionen sein. Gleichzeitig ist es besonders in der Altenpflege schwierig, Personal zu finden: Im Durchschnitt dauerte es nach Angaben der Arbeitsagentur zuletzt 122 Tage, bis für eine offene Stelle eine Fachkraft gefunden war.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Ideen, wie man die Pflegeberufe attraktiver machen kann, sind daher dringend gefragt. So hat sich die Bundesregierung vorgenommen, die bisher getrennten Ausbildungen für Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zusammenzulegen, was allerdings auf viel Kritik stößt. Ein anderer Ansatz kommt nun aus Hessen: In einem Modellprojekt sollen gezielt junge Menschen mit einer Behinderung oder anderen Einschränkungen für die Altenpflege ausgebildet werden.

          Angebot richtet sich an „engagierte Nachwuchsgruppe“

          Das Berufsbildungswerk Südhessen (BBW) hat dazu zusammen mit weiteren Stellen wie der Bundesagentur für Arbeit und dem hessischen Sozialministerium ein neues Konzept entwickelt: Von August an können sich Menschen mit Förderbedarf zum Fachpraktiker Hauswirtschaft mit einer Zusatzqualifikation zum Altenpflegehelfer ausbilden lassen. Die Ausbildung dauert drei Jahre und ermöglicht ihnen auch, im Anschluss eine Ausbildung zum Vollberuf Altenpfleger zu absolvieren.

          Hierzu ist ihnen der Weg üblicherweise versperrt, da sie oft nur einen Hauptschulabschluss vorweisen können. Das Modellprojekt richtet sich an Menschen mit Lernbehinderungen, Autisten oder auch psychisch kranke Menschen – eine „engagierte Nachwuchsgruppe“, wie BBW-Ausbildungsleiter Ralf Heiß bei der Vorstellung am Montag in Frankfurt sagte.

          Während der Ausbildung lernen die jungen Menschen nicht nur, wie sie mit dementen Menschen umgehen oder Sterbende pflegen, sondern auch, wie sie eine Wohnung putzen oder einfache Essen zubereiten. Diese Fähigkeiten seien gerade in der ambulanten Pflege sehr gefragt, sagt Hannelore Rexroth, Geschäftsführerin der Agaplesion Markus Diakonie, die mehrere Pflegeeinrichtungen in Frankfurt betreibt und auch einen ambulanten Dienst anbietet. „Hier können wir genau diese Kombination gut gebrauchen.“ In einem ihrer Häuser werden die Auszubildenden dreiwöchige Praktika absolvieren. Eine Fachkraft wird dabei immer in der Nähe sein. „So können wir eingreifen, falls jemand mit einer Situation überfordert ist“, sagt Rexroth.

          Während mit dem hessischen Modell Menschen mit geringer Qualifikation der Zugang in den Pflegesektor ermöglicht werden soll, fürchten Kritiker, dass der Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gleichzeitig eine gegenteilige Entwicklung fördert. Das wurde am Montag in einer Fachanhörung des Bundestags deutlich. So befürchtet die Bundesvereinigung der Arbeitgeber, dass die Pflegeausbildung künftig so komplex werde, dass normal begabte Menschen sie nicht mehr absolvieren können. Kritik gibt es auch von den Grünen und den Gewerkschaften. Der Deutsche Pflegerat hingegen unterstützt die Zusammenlegung.

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