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Hermann Schmidt : Für Pauli und die Pressevielfalt

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Seitdem Schmidt 1991 nach Hamburg zog, zieht es ihn hierher, zu den Spielen des FC St. Pauli Bild:

Verlagsmanager Hermann Schmidt lässt kein Spiel des FC St. Pauli aus. Er schreibt Bücher über sein Fanleben, plaudert dabei Brancheninterna aus - und verteidigt das Großhandelssystem für Zeitschriften und Zeitungen.

          Die Gelegenheit kann sich Hermann Schmidt nicht entgehen lassen. Ein Manager eines großen Verlages sagt, es sei ein Irrweg, wenn die Verlage mit den Bestsellern immer Rücksicht auf Vielfalt und Meinungsfreiheit nehmen müssten. Dem müsste Schmidt eigentlich widersprechen, müsste als Vertreter kleinerer Verlage sagen, wie wichtig das Presse-Grosso-System ist, was dieses spezielle Großhandelssystem für die Pressefreiheit bedeutet. Aber vor allem muss er weg. In wenigen Stunden spielt der FC St. Pauli in Hamburg; Schmidt will rechtzeitig im Stadion sein. Doch noch sitzt er auf dem Verlegertreffen in einem Hotel am Tegeler See. „Es gilt jetzt, Verabredungen zu treffen“, sagt Hermann Schmidt. „Am besten ist, wenn die großen Verlage mit den hochauflagigen Titeln mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Liefermengen kürzten. Das würde die Regale am deutlichsten entlasten.“ Jetzt will fast jeder ihm etwas entgegnen, Schmidt muss diskutieren und vergisst das Spiel.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seitdem Hermann Schmidt 1991 nach Hamburg zog, zieht es ihn immer wieder zum FC St. Pauli. Er reist dem Klub zu Auswärtsspielen hinterher und hat schon die Dauerkarte für die nächste Saison. In der Ganske-Verlagsgruppe war er zunächst Geschäftsführer des Leserkreises Daheim, von 1997 an Geschäftsführer des Jahreszeiten Verlages. Über sein Pauli-Leben hat er zwei Bücher geschrieben, ganz als Fan: „Zauber am Millerntor“ und „Der Kampf geht weiter“. Darin finden sich nicht nur Fußball-Anekdoten. Schmidt plaudert zwischen den Seiten auch Brancheninterna aus - wie von der Sitzung am Tegeler See. Oder er schreibt davon, wie die Verlagsmanager im Springerhaus in Berlin das Halbfinale der Fußball-EM sehen: Als er als einziger während der deutschen Nationalhymne sitzen bleibt, wird er beschimpft.

          Der 61 Jahre alte Schmidt jubelt und schimpft auf der Tribüne am Millerntor meist neben Alexander Grade, der in Elmshorn den verlagsunabhängigen Grosso-Betrieb Heinz-Ulrich Grade KG führt und auch im Buch auftaucht. Die Bauer Media Group hatte ihm zum 28. Februar 2009 gekündigt. Dies ist umstritten, weil es ohne Angaben von Gründen und damit gegen die Gemeinsame Erklärung erfolgte, die die Verlegerverbände mit dem Bundesverband Presse-Grosso vor Jahren vereinbarten. Zu der Erklärung haben sich jüngst ausdrücklich die anderen großen Verlage Springer, Gruner+Jahr, Burda und die WAZ-Gruppe bekannt, als sie sich mit neuer Vereinbarung bis 2018 ans Grosso gebunden haben. Ob die Kündigung rechtmäßig war, darüber entscheidet jetzt der Bundesgerichtshof (siehe Presse-Grosso vor Gericht: Sprengstoff für die gesamte Branche).

          Totenkopffahne: Auch der 61 Jahre alte Schmidt jubelt und schimpft auf der Tribüne am Millerntor

          „Wenn das zugunsten des Bauer Verlages ausgeht, steht möglicherweise das ganze System auf der Kippe“, sagt Schmidt. Er ist ein Verfechter des Vertriebssystems, in dem die Grossisten als neutrale Dienstleister Publikationen an 120 000 Einzelhändler liefern. „Für mich als Demokrat sollen die, die Zeitschriften herstellen und die, die sie vertreiben, nicht in einer Hand sein. Das gefährdet die Pressevielfalt und die Pressefreiheit.“

          „Wer die Macht über den Vertrieb hat, hat die Macht über die Präsentation

          Dass sich Bauer klar zum deutschen Presse-Vertriebssystem bekennt, teilte das Unternehmen abermals im März 2010 mit. Ziel sei eine Optimierung, um das System und damit die Pressefreiheit langfristig zu erhalten. Die Kündigung von Grossisten stelle das System keinesfalls grundsätzlich in Frage, hieß es. „Der Bauer Verlag verlautbart immer, er steht zum System, aber er meint, glaube ich, ein anderes System“, sagt Schmidt. Er gründete 1999 den Arbeitskreis Mittelständischer Verlage und ist deren Vorsitzender. Auch ist er im Vorstand der Publikumszeitschriften des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger.

          Seit der Kündigung liefert in Grades Gebiet eine Vertriebsgesellschaft Bauers die Zeitschriften aus. „Wer die Macht über den Vertrieb hat, hat die Macht über die Präsentation im Regal“, sagt Schmidt. „Wenn das System den Bach heruntergeht, wird sich die Pressevielfalt entschieden ändern.“ Er warnt: Tausend Zeitschriften und Zeitungen könnten verschwinden.

          Gleiche Chancen für alle

          St. Pauli ist abgestiegen, das Grosso-System in Gefahr. „Wenn das schlecht ausgeht, ist es wahrscheinlicher, dass Pauli wieder aufsteigt, als dass unser wunderbares Presse-Grosso-System wiederkommt“, sagt Schmidt. Am Ende des zweiten Buchs schreibt er, dass sich „Ali“ mit dem Gedanken vertraut mache, das Unternehmen aufzugeben. Alexander Grade hat die Verträge inzwischen unterschrieben, mit denen er den Familienbetrieb verkauft. Wenn das Verfahren am Bundesgerichtshof abgeschlossen ist, übernimmt ihn der Kieler Presse-Grossist Carlsen & Lamich. Grade wird nicht mehr lange Teil des Systems sein, dennoch wünscht er sich, dass es erhalten bleibt. Dafür hofft und kämpft er vor Gericht.

          Am 31. August geht auch Schmidt in den Ruhestand. Sein Verleger Thomas Ganske dankte ihm jüngst für den Einsatz - auch für die Pressefreiheit und Pressevielfalt in Deutschland. „Er ist engagiert dafür eingetreten, dass alle Publikationen die gleichen Chancen haben, über ein unabhängiges Vertriebssystem ihre Leser zu erreichen“, sagte Ganske.

          Direkt nach der damaligen Verlegersitzung ist Schmidt zum Spiel nach Hamburg gefahren. Er hat es gerade noch geschafft. Fünf Minuten nach Spielbeginn.

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