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Einmal Weltruhm und zurück : Der Fluch von Heiligendamm

Gipfeltreffen an der Ostsee: Angela Merkel mit ihren Gästen im Juni 2007 vor dem „Grand Hotel Heiligendamm“ Bild: Thiel, Christian

In einer Woche kommen Spitzenpolitiker aus aller Welt zum G-7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern. Das letzte Treffen dieser Art in Deutschland liegt acht Jahre zurück und fand in Heiligendamm an der Ostsee statt. Damals hat der Strandkorb das Gipfelhotel berühmt gemacht. Danach folgten nur noch negative Schlagzeilen.

          Etwas scheu stehen die sechs verirrten Touristen am verschlossenen Tor. Mit ihren Trekkingjacken, teils beige, teils bunt, unterscheiden sie sich deutlich von den Gästen des Fünfsternehotels ringsum. Zwei von ihnen schieben Fahrräder mit Satteltaschen. Ihre Blicke sind leicht nach unten gesenkt, als wüssten sie, dass sie gerade etwas Verbotenes tun. „Ich lass’ Sie mal raus“, sagt die Hotelangestellte großzügig. Und öffnet mit ihrer Chipkarte das Tor.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist etwa die Stelle, an der vor acht Jahren der berühmte überbreite Strandkorb stand. Die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industriestaaten posierten im Juni 2007 gemeinsam mit dem damaligen EU-Kommissionspräsidenten fürs Gruppenfoto. Es war eine perfekte Inszenierung: Sonnenschein, blaues Meer, die Journalisten wurden mit dem Dampfzug „Molli“ herangekarrt. Und ein Kompromiss zur Rettung des Weltklimas sprang auch noch heraus.

          Es war der letzte deutsche G-8-Gipfel vor dem Treffen, das am kommenden Sonntag im oberbayerischen Elmau beginnt – diesmal ohne Russland. Und wie jetzt der Hotelier Dietmar Müller-Elmau auf einen höheren Bekanntheitsgrad für sein Haus hofft, so spekulierte damals eine der schillerndsten Figuren des deutschen Immobiliengeschäfts auf den entscheidenden Durchbruch für sein vier Jahre zuvor eröffnetes „Grand Hotel Heiligendamm“, dem noch die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder den Zuschlag fürs Gipfeltreffen gab: Anno August Jagdfeld, Chef der Fundus-Gruppe aus dem rheinischen Düren.

          Viel Glück hat der Gipfel ihm nicht gebracht oder genauer: den Anlegern, die ihr Geld in seinen Immobilienfonds investierten. Fünf Jahre später war das Hotel pleite. Gewinn hatte es bis dahin nie gemacht, das Gipfeljahr 2007 war immerhin das einzige ohne Verlust. Es waren Jahre voller Streit. Und diese Kämpfe haben viel mit den verdutzten Tagesbesuchern und dem verschlossenen Tor auf dem Weg zum Strand zu tun.

          Fehlplatziert? Luxushotel an der ostdeutschen Küste

          Aber der Reihe nach. Im Jahr 1996 hat Jagdfeld das Ensemble der historischen Badehäuser für 18 Millionen D-Mark gekauft – nicht nur das heutige Hotel, sondern die ganze Uferfront und damit einen beträchtlichen Teil des gesamten Ortes Heiligendamm, 1793 vom mecklenburgischen Herzog Friedrich Franz I. gegründet und damit das älteste deutsche Seebad. Lange hatten das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Treuhandanstalt nach einem Abnehmer für die sanierungsbedürftigen Objekte gesucht. Auch die Stadt Bad Doberan, zu der Heiligendamm mit seinen heute 300 Einwohnern gehört, stimmte dem Geschäft zu.

          Im Jahr 2003 eröffnete das Hotel, ein Traum in Weiß mit dem klassizistischen Kurhaus in der Mitte und den anderen Gebäuden ringsherum. Ein Luxushotel wie kein zweites an der ostdeutschen Küste, zwei Autostunden von Hamburg und zweieinhalb Stunden von Berlin entfernt, mit einem Restaurant, das einen Michelin-Stern eroberte. Aber zur gleichen Zeit begannen die Probleme. Das Objekt geriet ins Zentrum eines Kulturkampfs, der als Konflikt zwischen Arm und Reich, zwischen Ost und West inszeniert wurde.

          Die Hotelgäste fühlten sich von Tagestouristen belästigt, die durch das Gelände streiften und ihre Fotoapparate zückten. Die Gemeinde wiederum beharrte auf einem öffentlichen Weg vom Bahnhof über das Hotelgelände zum Strand, zwischen Hauptgebäude und Wellnessbereich. Einer der oft wechselnden Hoteldirektoren befeuerte die Debatte mit dem Satz: „Ich möchte nicht, dass hier Busse aus Castrop-Rauxel kommen und die Leute auf unsere Toiletten gehen.“

          Rings um das aufwendig sanierte Hotel setzte sich der Verfall derweil fort. Wer heute in östlicher Richtung die Küste entlangspaziert, passiert sechs heruntergekommene klassizistische Villen, erbaut um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Schuld am maroden Zustand dieser „Perlenkette“, wie sie im Lokaljargon heißt, schoben die Kontrahenten jahrelang hin und her. Die Stadt beklagte, dass die Jagdfeld-Gruppe mit der Sanierung nicht vorankam. Der Investor beschwerte sich über zurückgezogene Baugenehmigungen und andere bürokratische Hürden, mit denen die lokalen Autoritäten ihren Kleinkrieg führten und bereits getroffene Entscheidungen rückgängig machen wollten.

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