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Haushaltshilfen aus Osteuropa : Geschäfte in der Grauzone

Seniorin Ursula Keinki muss ihren geliebten Garten im Alter nicht verlassen. Die polnische Haushaltshilfe Barbara Tyrcz hilft ihr im Alltag Bild: Röth, Frank

Ungezählte Osteuropäerinnen versorgen deutsche Senioren, weil im alternden Deutschland nicht genügend Pflegekräfte vorhanden sind. Der Markt funktioniert - weil niemand so ganz genau hinsieht.

          Diese Geschichte spielt in Zehntausenden deutschen Haushalten, einer davon ist der von Ursula Keinki. Die Frau mit dem schneeweißen Haar sitzt an ihrem Wohnzimmertisch, den Rollator hat sie in Griffweite geparkt. „Ich habe mich all die Jahre um den Haushalt und den Garten gekümmert“, sagt sie, „aber das geht ja heute nicht mehr.“ Zwei Jahre ist es jetzt her, dass die 84 Jahre alte Rentnerin nicht nur ihren Ehemann verlor, sondern auch die Energie, sich selbst zu versorgen. Ihre Beine wurden schwächer, die Arthrose nahm zu, jeder Handgriff wurde für die einst so zupackende Hausfrau zum Kraftakt.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Aber umziehen in ein Heim, das wollte sie nicht. „Ich lebe seit 35 Jahren hier“, sagt die Witwe und verstummt für einen bedeutungsschweren Augenblick - so als wollte sie ausdrücken, dass der zweigeschossige Klinkerbau in der hessischen Kleinstadt Schwalbach für sie viel mehr ist als der Ort, an dem sie lebt.

          „Frau Barbara“ ist eingezogen

          Die beiden Söhne sind längst ausgezogen, haben ihre eigenen Familien gegründet. Einer lebt in München, der andere ein paar Kilometer weiter. Täglich für sie kochen, putzen, einkaufen und die gebrechliche Mutter auf Schritt und Tritt begleiten, das kann keiner der berufstätigen Männer. Darum ist „Frau Barbara“ bei ihr eingezogen, eine zierliche Frau mit fröhlichem Gemüt. Die 50 Jahre alte Haushaltshilfe wohnt jetzt in den Zimmern, in denen einst die Söhne lebten. Sie ist es, die vom Aufstehen bis zum Insbettgehen für die Seniorin da ist.

          Sie ist es, die der Rentnerin jeden Vormittag auf das graue Kettler-Fahrrad hilft, damit sie ihre schwachen Beine trainieren kann. Und sie ist es, die die Fliederzweige im Garten abgeschnitten hat, die jetzt im Wohnzimmer den frühlingshaften Duft verströmen.

          Die beiden Frauen verstehen sich prächtig: „Zum Glück haben wir ähnliche Interessen“, sagt Ursula Keinki

          Wie viel Geld sie für die Rundumbetreuung bekommt? Barbara Tyrcz, die ihr Zuhause eigentlich 50 Kilometer südlich von Breslau hat, schweigt. Sie ist über eine deutsche Vermittlungsagentur nach Hessen gekommen. Und auch wenn sie das selbst nicht so formulieren würde: Sie ist Teil eines umstrittenen Geschäftskonzepts, an dem ein deutsches und ein polnisches Unternehmen mitverdienen und bei dem die Sozialabgaben in Deutschland umgangen werden. Eine Konstruktion, die typisch ist für diesen grauen Markt, der hinter verschlossenen Türen gewachsen ist.

          Niemand weiß genau, wie groß der Markt ist

          Wie groß dieser Markt ist, weiß niemand so genau. In einem Land, in dem jede Schraube und jeder Pflasterstein, der die Grenze passiert, statistisch erfasst wird, kann keine einzige Behörde diese Frage beantworten. Bis zum 1. Mai 2011 erteilte die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit Arbeitsmarktzulassungen für osteuropäische Haushaltshilfen, die als Angestellte in Privathaushalten Geld verdienen wollten. Im Jahr 2010 zählte die Behörde gerade mal 1948 Zulassungen. Die Größe des Schwarz- und Graubereiches lassen Schätzungen von Forschern und Praktikern erahnen: Sie gehen von 100.000 bis 150.000 Osteuropäerinnen in deutschen Seniorenhaushalten aus.

          Osteuropäische Haushaltshilfen werden dringend gebraucht

          Sicher ist auf diesem Markt vor allem eines: Barbara, Henryka, Teresa und all die anderen osteuropäischen Haushaltshilfen werden im alternden Deutschland dringend gebraucht. Sie schließen die größer werdende Lücke, die zum einen dadurch entsteht, dass Familienangehörige ihre hilfsbedürftigen Verwandten nicht betreuen können oder wollen, und zum anderen, weil eine Rundumbetreuung in den eigenen vier Wänden durch deutsches Personal für Normalverdiener unerschwinglich ist. Für viele Frauen aus den östlichen Nachbarländern dagegen ist eine Vollzeitstelle selbst mit Dumpinglohn immer noch attraktiver als das Arbeitslosengeld oder das Verkäuferinnengehalt, von dem sie in ihrer Heimat leben.

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